Supply Chain Planning in unsicheren Zeiten: Prozesse, Systeme und Teams

Supply Chain Planning in unsicheren Zeiten: Prozesse, Systeme und Teams

Während der Chip-Krise haben wir bei mehreren Industriekunden dasselbe Muster gesehen: Die Knappheit der Komponenten war nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem war, dass jede Abteilung mit anderen Zahlen plante. Der Einkauf rechnete mit alten Lieferzeiten, die Produktion mit dem Bestand der Vorwoche, der Vertrieb machte Zusagen, von denen niemand sonst wusste. Dabei hatten theoretisch alle Zugriff auf dieselben Daten.

Supply Chain Planning unter Unsicherheit scheitert selten an fehlenden Informationen. Es scheitert an fehlender Synchronisation. Zölle, blockierte Transportwege, Lieferrestriktionen bei kritischen Materialien und politische Unwägbarkeiten verschärfen das Problem erheblich. Sie verlängern Wiederbeschaffungszeiten, destabilisieren Dispositionsparameter und erzwingen Entscheidungen, für die klassische Planungsprozesse nicht gebaut sind. Nahezu vier von fünf europäischen Unternehmen erwarten, dass Geopolitik, Zölle und Handelspolitik ihre Lieferketten in den nächsten 12 bis 24 Monaten beeinflussen werden, 13 % rechnen mit einem kritischen Einfluss (Maersk European Supply Chain Survey, Dezember 2025). Der Handlungsdruck ist real.

Dieser Artikel zeigt, wo konkret etwas zu tun ist: in den Planungsprozessen, in den Software-Systemen und bei den Menschen im Planungsteam.

Welche Schocks treffen das Supply Chain Planning heute wirklich?

 

Geopolitische Störfaktoren wirken fast immer über denselben Hebel: Sie verlängern und destabilisieren die Wiederbeschaffungszeit – einen der wichtigsten Dispositionsparameter überhaupt. Sobald die Wiederbeschaffungszeit unzuverlässig wird, verlieren alle daraus abgeleiteten Planungsgrößen ihre Aussagekraft. Meldebestände stimmen nicht mehr. Sicherheitsbestände schützen nicht mehr. Produktionspläne stehen auf instabilem Fundament.

 

Zölle. Die US-Zollpolitik hat sich seit 2025 mehrfach gedreht. Im Februar 2026 hat der US Supreme Court gegen die von Trump verhängten Tarife entschieden; an ihre Stelle trat ein globaler 10-Prozent-Zoll. Der effektive Zollsatz lag im April 2026 trotzdem bei rund 11,8 % – das höchste Niveau seit den frühen 1940er-Jahren (Yale Budget Lab, April 2026). China bleibt mit rund 25 % am stärksten belastet (Penn Wharton, März 2026). Klingt nach abstraktem Politik-Geschehen. Für die Disposition aber ist es konkret: Höhere Landed Costs verändern die optimale Bestellmenge, machen bisher wirtschaftliche Sourcing-Entscheidungen obsolet und zwingen zur Neubewertung ganzer Lieferantenbeziehungen. Über 50 % der Manufacturing-CFOs in den USA gaben in der ersten CFO-Survey 2025 an, ihre Lieferketten aktiv zu diversifizieren, nahezu 40 % haben Beschaffungszyklen vorgezogen, um Zölle zu umgehen (Richmond Fed Economic Brief 25-12, Dezember 2025). Den Effekt spüren auch Unternehmen in Europa, für die sich die Nachfragestrukturen verschieben. Eine kurzfristig sinnvolle Reaktion. Ohne koordinierte Planung führt sie allerdings zu unkontrolliertem Lagerbestandsaufbau.

 

Blockierte Transportwege. Die akute Disruption hat sich verlagert. Die Houthi-Angriffe auf Schiffe im Roten Meer haben seit November 2025 nachgelassen, Container-Carrier nehmen die Suez-Route seit Anfang 2026 wieder vorsichtig auf. An ihre Stelle ist die Straße von Hormus als global relevanter Transportengpass getreten: Seit dem US-israelischen Angriff auf Iran am 28. Februar 2026 und der iranischen Schließungserklärung Anfang März ist der Tankerverkehr durch die Meerenge um rund 90 % eingebrochen. Die VLCC-Tankerraten Nahost–Asien erreichten im März 2026 den höchsten Stand seit Beginn der Datenreihe im November 2005 (EIA, März 2026). Brent-Öl notiert seither über 90 USD pro Barrel, zeitweise über 100. Saudi-Arabien leitet Rohöl über die Ost-West-Pipeline nach Yanbu um, die VAE über die Habshan-Fujairah-Pipeline. Beide Umgehungen sind kapazitätsbegrenzt. Der Drewry World Container Index lag am 21. Mai 2026 bei rund 2.712 USD pro 40ft-Container, Tendenz wieder steigend. Konsequenz für Planungsteams: Wer seine Meldebestände noch auf den stabilen Transitzeiten von vor 2024 kalibriert hat, plant blind.

 

Lieferengpässe bei Schlüsselgütern. Die Hormus-Krise trifft nicht nur den Ölmarkt. QatarEnergy hat Force Majeure auf LNG-Lieferungen erklärt. Europa bezog 12 bis 14 % seines LNG aus Katar, das gesamte Volumen lief vorher durch Hormus. Das Weltwirtschaftsforum identifiziert neun weitere Rohstoffe, die durch die Krise direkt betroffen sind: unter anderem Methanol, Aluminium, Schwefel und Graphit. Alle sind relevant für Chemie, Fertigung und Energiewende. UNCTAD warnt zusätzlich vor höheren Düngemittel-, Transport- und Lebensmittelpreisen. Für Planungsabteilungen heißt das: prüfen, welche eigenen Beschaffungskomponenten direkt oder indirekt betroffen sind, und wo deshalb Sicherheitsbestände erhöht gehören.

 

Kritische Materialien. Halbleiter, seltene Erden, strategische Mineralien stehen wiederholt im Zentrum von Exportkontrollen und Handelskonflikten. Das Besondere hier ist die Unvorhersehbarkeit: Exportbeschränkungen können binnen Tagen in Kraft treten, oft ohne ausreichend Vorlauf für Produktionsanpassungen, wenn diese überhaupt möglich sind. Just-in-time-Konzepte, die für stabile Ketten gebaut wurden, stoßen hier an ihre Grenzen.

 

Und der Rest: Sanktionen, Währungsrisiken, Energiepreise. Was alle diese Faktoren verbindet: Sie erhöhen die Varianz in den Planungseingangsgrößen und machen statische Dispositionsparameter zur Fehlerquelle.

Was bedeutet das für die Planungsprozesse?

In einem Kundenprojekt fanden wir vor wenigen Monaten eine Situation vor, die wir seitdem regelmäßig sehen: Die Wiederbeschaffungszeiten im ERP-System lagen teilweise ein Jahr hinter der Realität. Niemand hatte sie aktualisiert, weil die Abweichung im Normalbetrieb tolerierbar schien. Als die Störung kam, plante das System mit Parametern, die längst nicht mehr stimmten. Bestellungen wurden hektisch von Hand übersteuert, und dabei ein erheblicher Anteil der notwendigen Anpassungen einfach übersehen, vor allem beim Rattenschwanz der C-Teile. Fast die Hälfte der Unternehmen, die während größerer Disruptionen befragt wurden, meldete Planungsprobleme, die direkt auf veraltete oder fehlerhafte Parameter zurückgingen (McKinsey Supply Chain Risk Pulse, 2025).

Das ist kein Datenproblem. Es ist ein Prozessdesign-Problem.

Planungsrhythmus verdichten. Ein monatlicher S&OP-Takt ist für stabile Zeiten gemacht. Unter andauernder Unsicherheit erzeugt er Blindzonen von bis zu vier Wochen, in denen sich die Realität erheblich vom Plan entfernen kann. Wer den S&OP-Prozess um wöchentliche Sicherheitsschleifen ergänzt, reagiert schneller auf externe Schocks, und zwingt alle Beteiligten dazu, mit aktuellen Zahlen zu arbeiten. Wichtig: Das ist kein zweiter vollständiger S&OP-Prozess, sondern ein kurzer wöchentlicher Abstimmungszyklus mit klarem Fokus auf Ausreißer und veränderte Prämissen.

S&OP als Orchesterprobe. Ein funktionierender S&OP-Prozess ist wie eine Orchesterprobe: Alle Instrumente müssen dieselbe Partitur spielen, und ein Dirigent muss hören, wenn jemand aus dem Takt gerät. In unseren Projekten erleben wir immer wieder, dass genau dieser Dirigent fehlt: ein Process Owner, der dafür sorgt, dass alle Abteilungen mit denselben Planungsannahmen arbeiten. Wenn der Einkauf mit sechs Wochen Wiederbeschaffungszeit plant und die Produktion mit vier, entsteht unweigerlich ein Puffer-Problem, das niemand explizit beschlossen hat. Die Grenzen der Resilienz sind am Ende auch eine Frage der Koordination.

Dispositionsparameter dynamisieren. Statische Sicherheitsbestände funktionieren wie ein Thermostat mit fest eingestellter Temperatur. Sobald sich die Außentemperatur dauerhaft ändert, heizt oder kühlt er falsch. Dynamische Dispositionsparameter passen sich automatisch an aktuelle Lieferzeit-Varianzen an, statt nur einmal im Jahr manuell überprüft zu werden. Voraussetzung: Aktuelle Transitzeiten und Lieferanteninformationen müssen systematisch ins Planungssystem fließen. Kurzfristig heißt das vor allem eines: für jede Lieferkettenstufe, bei der sich Wiederbeschaffungszeiten verändert haben, sofort die ERP-Parameter anpassen, bevor der nächste Planungslauf startet.

Frühwarnindikatoren definieren. Welche KPI-Schwelle löst eine außerordentliche Planungsrunde aus? Unternehmen ohne definierte Trigger reagieren im Notfall mit Ad-hoc-Entscheidungen, die fast immer teurer sind als eine frühzeitig eingeleitete Planrevision. Sinnvolle Trigger sind zum Beispiel: Transitzeit-Abweichung um mehr als X Tage gegenüber dem Systemparameter, Frachtraten-Anstieg über einen definierten Schwellenwert, bestätigte Zolländerungen bei mehr als Y Prozent des Beschaffungsvolumens. Wie schnell der Planungsprozess reagiert, entscheidet über das Ausmaß der Störung. Dies sind wichtige Elemente eines proaktiven, systematischen Risikomanagements!

Welche Anforderungen stellt die neue Volatilität an Software-Systeme?

Der häufigste Fehler, den wir in Planungsumgebungen sehen, ist immer derselbe: ERP-Systeme mit fest hinterlegten Lieferzeit-Parametern und statischen Sicherheitsbestandsregeln, die die neue Realität nicht abbilden. Das System plant, als wäre nichts passiert, während die Planungsabteilung mit manuellen Korrekturen hinterherläuft. Hinzu kommt: Nur 42 % der Unternehmen haben heute überhaupt Sichtbarkeit über ihre Tier-1-Lieferanten hinaus (McKinsey Supply Chain Risk Pulse, 2025). Wer nicht weiß, was bei Tier-2-Lieferanten passiert, plant auf dem zweiten Auge blind.

Klassische ERP/MRP-Systeme scheitern unter externen Schocks an vier strukturellen Lücken.

Lücke 1: Keine Szenario-Engine. Standard-ERP rechnet einen Plan durch, aber keinen Plan B. Eine Szenario-Engine erlaubt es, mehrere Szenarien parallel zu modellieren: Was passiert, wenn der Zollsatz auf bestimmte Baugruppen um 10 Prozentpunkte steigt und die Nachfrage entsprechend sinkt? Was, wenn Hormus weitere drei Monate gesperrt bleibt? Was, wenn Lieferant X ausfällt? Das sind operative Entscheidungsgrundlagen, keine akademischen Planspiele. Wer diese Szenarien vorher durchrechnet, kann bei Eintritt aus einer vorbereiteten Option wählen, statt unter Zeitdruck neu zu planen.

Lücke 2: Statische Dispositionsparameter. Sicherheitsbestände, die einmal im Jahr geprüft werden, schützen in einer Welt nicht mehr, in der sich Lieferzeiten von Monat zu Monat verändern. Moderne APS-Systeme wie zum Beispiel DISKOVER passen Dispositionsparameter dynamisch an die Lieferzeitvarianz an. Das Ergebnis aus unserer Projekterfahrung: Parameter-Optimierung allein kann Lagerbestände um 15 bis 30 % senken, ohne die Lieferbereitschaft zu verschlechtern. Die Methodik funktioniert auch unter erhöhter Unsicherheit: der Unterschied liegt im Aktualisierungsrhythmus.

Lücke 3: Begrenzte Lieferanten-Sichtbarkeit. Wer nur Tier-1 im System hat, sieht den Ausfall eines Tier-2-Lieferanten erst dann, wenn der Tier-1-Lieferant seine eigene Liefer(un)fähigkeit melden muss. Frühzeitige Signale kommen aus dem tieferen Netzwerk. Für den Einstieg reicht oft ein manuelles Tier-2-Mapping der 10 bis 20 kritischsten Materialien. Schwierig ist eher, an die Informationen überhaupt zu kommen, denn viele Lieferanten behandeln ihre Vorlieferanten als wichtiges Betriebsgeheimnis.

Lücke 4: Keine externen Datensignale. Aktuelle Frachtraten, Zolltarifdatenbanken, Risikoindizes wie der World Bank Global Supply Chain Stress Index liefern wertvolle Frühwarnsignale. Systeme, die nur interne Transaktionsdaten verarbeiten, sehen die Außenwelt erst, wenn sie sich längst in den internen Zahlen abbildet.

Ein wirksames Instrument, um sich auf Disruptionen vorzubereiten, ist ein digitaler Zwilling des eigenen Supply-Netzwerks. Ein Digital Twin ist in diesem Zusammenhang das, was der Flugsimulator in der Pilotenausbildung ist: Szenarien lassen sich risikolos durchspielen, bevor echte Entscheidungen getroffen werden. Maersk identifiziert in seiner Course-for-Change-Studie 2025 (über 900 globale Supply-Chain-Verantwortliche, gemeinsam mit FT Longitude) eine messbare Resilienz-Dividende: Unternehmen, die als „resilience frontrunners“ eingestuft werden, verloren bei Disruptionen weniger als 1 % Umsatz, während der Durchschnitt bei 3,9 % lag. In branchenspezifischen Folgeerhebungen 2026 zeigt sich die Spreizung noch deutlicher: Automotive bei 4,7 %, Tech bei 3,6 % durchschnittlichem Umsatzverlust durch Disruption. Die Frontrunner zeichnen sich nicht durch ein einzelnes Tool aus, sondern durch ein Zusammenspiel von Führung, Technologie und Zusammenarbeit, und genau dieses Zusammenspiel macht der Digital Twin operativ greifbar.

Welche neuen Anforderungen entstehen für Planungsteams und Organisation?

 

Früher korrigierten Supply-Chain-Planer Bestellvorschläge aus dem ERP, legten gelegentlich selbst Bestellungen an und pflegten Sicherheitsbestände. Das war wichtige Arbeit in einem überschaubaren Lösungsraum. Heute navigieren dieselben Planer durch Szenarien mit unvollständigen Informationen, unter Zeitdruck und mit erheblichen Konsequenzen bei Fehlentscheidungen. Das sind grundlegend andere Anforderungen.

 

Neue Kernkompetenzen

 

Szenarioanalyse lernt man nicht im ERP-Kurs. Sie erfordert strukturiertes Denken unter Unsicherheit: Welche Annahmen liegen dem Plan zugrunde? Welche sind besonders anfällig? Welche Konsequenz hat es, wenn diese Annahme fällt? Planer, die diese Fragen systematisch stellen, sind in einer volatilen Welt unverzichtbar.

 

Politisches Kontextverständnis klingt nach Beratertätigkeit, ist es aber nicht. Ein Planer, der versteht, warum Halbleiterbeschränkungen zwischen bestimmten Ländern politisch wahrscheinlich werden, kann das in die Sicherheitsbestandsstrategie einfließen lassen. Es geht nicht darum, geopolitischer Analyst zu werden. Es geht darum, ein Gefühl für die Mechanik von Handelskonflikten und Sanktionen zu entwickeln.

 

Entscheidungsfähigkeit bei Mehrdeutigkeit ist die dritte Kernkompetenz. Wer wartet, bis alle Informationen vorliegen, entscheidet zu spät. Gute Planer arbeiten in unsicheren Zeiten mit klaren Entscheidungsregeln: „Wenn X eintritt, eskalieren wir zu Maßnahme Y.“ Diese Regeln müssen vorher definiert und abgestimmt sein, und nicht erst im Krisenfall.

 

Der S&OP-Process Owner als Steuermann

 

Ein Ruderboot mit acht Ruderern und keinem Steuermann kommt niemals schnell und sicher ans Ziel. Aber genau das passiert in Planungsorganisationen ohne klaren S&OP-Owner. Der Process Owner, nennen wir ihn ruhig den S&OP-Dirigenten, sorgt dafür, dass alle Abteilungen denselben aktuellen Plan als Grundlage haben, und eskaliert Abweichungen, bevor sie zu Krisen werden. Laut ISM-Leitfaden zu Resilienz-Kompetenzen und S&OP-Governance sind klare Governance-Strukturen und definierte Entscheidungswege eines der zentralen Differenzierungsmerkmale resilienter Unternehmen. Was die aktuellen europäischen Befragungsdaten dazu sagen: 75 % der europäischen Unternehmen diversifizieren inzwischen ihr Sourcing geografisch (gegenüber 53 % in 2024), 80 % vertiefen bewusst die Beziehungen zu Logistik-Providern und Schlüssellieferanten (Maersk European Supply Chain Survey, Dezember 2025). Beides funktioniert nur, wenn jemand diese Aktivitäten orchestriert, sonst entstehen Parallelinitiativen ohne gemeinsame Wirkung.

 

Wissenstransfer und Dokumentation

 

Was in der letzten Krise gelernt wurde, sollte nicht im Kopf eines Planers verschwinden. Kurze Disruptions-Logbücher („Was war das Ereignis? Was haben wir entschieden? Was haben wir daraus gelernt?“) bauen über die Zeit eine Playbook-Bibliothek auf, die das ganze Team nutzen kann. Wer zusätzlich mehrstufige Bestandsoptimierung (MEIO) im Team verankert, schafft systemische Stabilität, die nicht mehr von Einzelpersonen abhängt.

Was können Unternehmen jetzt konkret tun?

Supply Chain Planning unter Unsicherheit verlangt Maßnahmen in drei Zeithorizonten. Sofort lassen sich Wiederbeschaffungszeiten und Meldebestände anpassen, Sicherheitsbestände erhöhen, Alternativrouten vorbereiten. In drei bis sechs Monaten geht es um S&OP-Kadenz, Szenario-Bibliotheken und Lieferanten-Mapping. Mittelfristig stehen Multi-Sourcing und Systemerweiterungen auf der Agenda. McKinsey beziffert die typischen Reaktionsmuster: 45 % der zollbetroffenen Unternehmen erhöhen ihre Bestände, 39 % bauen Dual Sourcing auf, 33 % entwickeln Nearshoring-Pläne (McKinsey Supply Chain Risk Pulse, 2025).

Sofort (diese Woche)

Erstens: Aktuelle Wiederbeschaffungszeiten mit den ERP-Werten abgleichen. Jede Abweichung über 10 % sofort korrigieren. Zweitens: Bei kritischen A-Teilen prüfen, ob die hinterlegte Sicherheitszeit die neue Transitzeit-Varianz noch abdeckt. Wenn nicht, sofort erhöhen. Drittens: Für die fünf wichtigsten Transportrouten mindestens eine validierte Alternativroute definieren und deren Lead-Time-Delta in die Sicherheitsbestandskalkulation einrechnen. Mehr braucht es kurzfristig nicht – und weniger reicht nicht.

In drei bis sechs Monaten

Den S&OP-Takt um wöchentliche Schleifen ergänzen, mit Fokus auf Parameterabweichungen und neue Risikosignale. Eine Szenario-Bibliothek anlegen: mindestens drei Szenarien durchrechnen (Zollerhöhung +X %, Route gesperrt, Lieferant ausgefallen) und für jedes Szenario eine Entscheidungsregel hinterlegen. Tier-2-Mapping für die 10 bis 20 kritischsten Materialien starten. Der World Bank Global Supply Chain Stress Index ist dabei ein kostenloses, regelmäßig aktualisiertes Frühwarnsignal auf Länder- und Routenebene.

Mittelfristig (sechs bis achtzehn Monate)

Multi-Sourcing für die zehn wichtigsten Risikomaterialien konsequent aufbauen und als reguläre Beschaffungsstrategie verankern. Und nicht erst, wenn die Krise da ist. Nearshoring-Potenzial prüfen, wo Transportrisiko und Zollexposition besonders hoch sind. Das APS-System um Szenario-Fähigkeiten erweitern. Wer keine Multi-Sourcing-Option hat, trägt das volle Risiko allein.

Unsere Empfehlung in einem Satz: Fangen Sie mit dem an, was heute falsch eingestellt ist wie Wiederbeschaffungszeiten und Sicherheitsbestände, bevor Sie neue Systeme kaufen oder Lieferketten umbauen. Parameter-Optimierung allein kann Lagerbestände um 15 bis 30 % senken, ohne die Lieferbereitschaft zu verschlechtern. Das ist der höchste Hebel bei dem geringsten Risiko.

Das Wichtigste in Kürze

 

Supply Chain Planning steht unter Dauerdruck durch externe Schocks. Wer jetzt handelt, kann Wettbewerbsnachteile vermeiden:

 

Die akute Disruption hat sich vom Roten Meer in die Straße von Hormus verlagert. Seit dem Iran-Krieg im Februar 2026 ist der Tankerverkehr durch Hormus um rund 90 % eingebrochen, VLCC-Tankerraten Nahost–Asien auf Allzeithoch seit Beginn der Datenreihe 2005, Brent über 100 USD pro Barrel. Alle Dispositionsparameter, die auf stabilen Wiederbeschaffungszeiten beruhen, gehören neu kalibriert.

 

Die US-Zollpolitik bleibt volatil. Effektiver Zollsatz im April 2026 bei rund 11,8 % (Yale Budget Lab), das höchste Niveau seit den 1940er-Jahren, trotz des Supreme-Court-Urteils gegen die Trump-Tarife im Februar 2026.

 

Planungsrhythmus und S&OP-Synchronisation sind sofort anpassbar. Wöchentliche Planungsschleifen und ein klarer S&OP-Owner kosten keine Software, nur Prozessdisziplin. Dynamische Sicherheitsbestände reduzieren Puffer gezielt statt pauschal.

 

ERP allein reicht für volatile Lieferketten nicht aus. Moderne APS-Systeme brauchen vier Dinge: eine Szenario-Engine, dynamische Dispositionsparameter, Tier-2-Sichtbarkeit und externe Datensignale.

 

Planungsteams brauchen neue Kompetenzen. Szenarioanalyse, Entscheidungssicherheit bei Mehrdeutigkeit und ein klarer S&OP-Dirigent sind operative Notwendigkeiten. Maersk-Daten zeigen: Resilience Frontrunners verloren bei Disruptionen unter 1 % Umsatz, der Durchschnitt 3,9 %.

 

Sofort umsetzbar: Wiederbeschaffungszeiten im ERP korrigieren, Sicherheitsbestände für kritische A-Teile prüfen und erhöhen, Alternativrouten dokumentieren. 45 % der zollbetroffenen Unternehmen erhöhen ihre Bestände, 39 % bauen Dual Sourcing auf, 33 % entwickeln Nearshoring-Pläne (McKinsey, 2025).

 

Klar: Was sich hier so übersichtlich liest, ist in der Praxis selten einfach. Aber wer es geschafft hat, und plötzlich bessere Lieferbereitschaft, weniger Stock-Outs und mehr Vertrauen zwischen den Abteilungen erlebt, der weiß: Der Aufwand lohnt sich!

Quellen

Drewry Shipping Consultants, World Container Index Weekly Update, 21. Mai 2026.

EIA – U.S. Energy Information Administration, Middle East crude oil tanker rates reached a multi-decade high in March, 26. März 2026.

Maersk in Kooperation mit FT Longitude, Course for Change: Mastering Supply Chain Resilience in an Unconventional World, Juni 2025.

Maersk European Supply Chain Survey, Supply Chain Challenges 2026, Dezember 2025.

McKinsey & Company, Supply Chain Risk Pulse 2025: Tariffs Reshuffle Global Trade Priorities, 2025.

Penn Wharton Budget Model, Effective Tariff Rates and Revenues, Update Mai 2026.

Richmond Fed, Economic Brief 25-12: Tariffs – Estimating the Economic Impact of the 2025 Measures and Proposals, Dezember 2025.

UNCTAD, Strait of Hormuz Disruptions: Implications for Global Trade and Development, März 2026.

U.S. Congressional Research Service, Iran Conflict and the Strait of Hormuz: Impacts on Oil, Gas, and Other Commodities, März 2026.

World Economic Forum, Beyond Oil: 9 Commodities Impacted by the Strait of Hormuz Crisis, April 2026.

Yale Budget Lab, State of U.S. Tariffs: April 8, 2026.

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Wie wirken sich Zölle konkret auf die Lieferkettenplanung aus?

Zölle erhöhen die Landed Costs importierter Komponenten – und beeinflussen damit Sourcing-Entscheidungen, Bestandsbewertungen und Meldebestände direkt. Wenn ein Zollsatz kurzfristig steigt, ändern sich die optimalen Bestellmengen und Lieferantenentscheidungen. Disponenten müssen ihre ERP-Parameter umgehend anpassen, sonst führen falsche Kostengrundlagen zu falschen Bestellentscheidungen. Mehr dazu im Abschnitt zu Planungsprozessen weiter oben.

Moderne APS-Systeme müssen vier Fähigkeiten mitbringen, um geopolitische Risiken beherrschbar zu machen: erstens eine Szenario-Engine für What-if-Analysen, zweitens dynamische Dispositionsparameter, die sich automatisch an veränderte Lieferzeit-Varianzen anpassen, drittens Tier-2-Lieferanten-Sichtbarkeit und viertens die Integration externer Datensignale wie Frachtraten oder Risikoindizes. ERP allein liefert das in der Regel nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Supply Chain Resilienz und Effizienz?

Effizienz minimiert Kosten bei stabilen Bedingungen. Resilienz erhält die Lieferfähigkeit bei Störungen. Beide Ziele stehen in Spannung: Mehr Resilienz durch höhere Bestände oder zusätzliche Lieferanten kostet kurzfristig Geld. Das richtige Gleichgewicht hängt von der konkreten Risikostruktur des Unternehmens ab. Abels & Kemmner empfiehlt, Resilienzinvestitionen mit einer klaren Kosten-Nutzen-Analyse zu priorisieren, statt pauschal Puffer aufzubauen.

Alternative Routenplanung braucht drei Vorarbeiten. Erstens: Kritische Routen identifizieren und deren Risikoexposition bewerten (Wahrscheinlichkeit und Auswirkung). Zweitens: Alternative Carrier und Routen vorverhandeln, bevor die Krise eintritt und nicht erst danach. Drittens: Das Lead-Time-Delta der Alternativroute in die Sicherheitsbestandskalkulation einrechnen, weil Alternativrouten fast immer länger dauern. Wer diese Arbeit im Normalbetrieb erledigt, spart in der Krise wertvolle Tage.

Bild von Peter Szczensny

Peter Szczensny