Alle helfen dem Klima, nur die Planung nicht 

Andreas Kemmner

Zugegeben, dass alle dem Klima helfen, nur die Planung nicht, ist eine harte Aussage. Sie ist aber näher an der Realität als die Behauptung mancher Anbieter von APS- oder Planungssystemen, die den Eindruck erwecken, durch ihre spezifischen Planungsalgorithmen Wesentliches zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes (ihrem Carbon Footprint) beizutragen. 

Die meisten Unternehmen versuchen heute, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren; wenn nicht aus Überzeugung, dann zumindest aus Marketinggründen. Jeder Fachbereich ist aufgefordert, seinen Beitrag dazu zu leisten. Verständlicherweise versuchen auch Systemanbieter von APS- und Planungssystemen zu zeigen, dass sie Ihren Kunden dabei helfen, den CO2-Ausstoß zu verringern. Verfolgt man die Veröffentlichungen der Systemanbieter, wird so ziemlich jede Systemfunktion pauschal als Beitrag zur CO2-Reduzierung angeführt. Konkrete Zahlen findet man praktisch nie. 

Drei echte Hebel zur Verringerung des Carbon Footprint 

Um den CO2-Fußabdruck und schädliche Umwelteinflüsse einer Wertschöpfungskette zu verringern, gibt es drei wesentliche, nicht immer sauber voneinander trennbare Hebel:  

  • Materialeffizienz 
  • Transporteffizienz 
  • Energieeffizienz 

APS- oder Planungssysteme können nur in dem Maße zur Verringerung des CO2-Verbrauchs eines Unternehmens beitragen, indem sie auf diese Hebel einwirken.  

Zentrale Hebel zur Verbesserung des Carbon Footprints in der Wertschöpfungskette

Wie weit helfen Planungssysteme wirklich dabei, diese drei Hebel zu bedienen?  

Steigt man in eine genaue Analyse ein, zeigt sich schnell, dass viele planerische und dispositive Maßnahmen Material-, Transport- und Energieeffizienz nicht beeinflussen können. Dort, wo Planung und Disposition Einfluss ausüben, sind die Effekte teilweise gegenläufig und teilweise hängt der Erfolg von wenig beeinflussbaren externen Randbedingungen ab. 

So können höhere Bestände beispielsweise dazu führen, dass die Lieferbereitschaft verbessert wird und dadurch weniger Sonderfahrten (höhere Transporteffizienz) anfallen. Andererseits können höhere Bestände zu mehr Alterung, Verschleiß, Verlust und Bruch (geringere Materialeffizienz) führen. 

Durch Lieferanten in der Nähe erhöht man evtl. die Transporteffizienz. Wenn der nähere Lieferant seine Waren aber wiederum in der Ferne beschafft, hat die Welt nichts gewonnen; man hat sich lediglich durch geschickte Bilanzierung schön gerechnet. 

Tragen Planung und Disposition also gar nichts zur Reduzierung des Carbon Footprints bei? 

Doch, wenn es gelingt, dieselbe Lieferbereitschaft mit weniger Bestand zu erreichen, bringt jedes Prozent Bestandsreduzierung 55 bis 90 Promille an CO2-Reduzierung. Das klingt nach wenig, summiert sich aber immerhin zu 1,1% bis 1,8%, wenn man 20% Bestandsreduzierung erreicht. Wie wir zu diesem Wert kommen, sei in einem anderen Blogbeitrag erläutert.  

Gegenwärtig allerdings hamstern viele Unternehmen Bestände, ohne dadurch Ihre frühere Lieferbereitschaft halten zu können, da das eine oder andere Eingangsmaterial trotzdem fehlt und damit Waren nicht fertigproduziert und pünktlich geliefert werden können. Planerische und dispositive Entscheidungen tragen deshalb in den meisten Unternehmen aktuell gar nichts zur Verbesserung des Carbon Footprints bei, sondern verschlechtern ihn eher. Andere Prioritäten stehen gegenwärtig bei vielen Unternehmen im Vordergrund und zu diesen Prioritäten können moderne, leistungsfähigere APS- oder Planungssysteme Wesentlicheres beitragen als zur CO2-Reduzierung.  

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Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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