Prognosegenauigkeit – diese Kennzahl bringt Sie nicht wirklich weiter. 

Andreas Kemmner

Überwachen Sie auch ständig Ihre Prognosegenauigkeit? Fragen Sie sich auch, welche Kennzahl die Prognosegenauigkeit am besten misst? Vergessen Sie diesen Weg und machen es gleich richtig!

Im Prinzip scheint nichts Falsches daran, Prognosegenauigkeit zu messen, denn wenn man einen Zielwert nicht misst, kann man nicht beurteilen, ob man sich verbessert hat. Allerdings engt der Blick auf die Prognosegenauigkeit häufig den Blickwinkel ein und fokussiert alles Handeln darauf, die Qualität der Vorhersagen zu verbessern, statt sich um das eigentliche Ziel, die Lieferfähigkeit zu kümmern.

In der Tat haben viele Unternehmen bei der Qualität der Vorhersagen noch beträchtlichen Handlungsbedarf. Viele nutzen die heute vorhandenen mathematischen Möglichkeiten nicht aus und viele versuchen, Ihre Prognosequalität durch „Handarbeit“ zu verbessern: der Vertrieb soll‘s richten und sich gefälligst mehr Mühe geben oder bessere Daten von den Kunden einfordern. Da kommt die Daumenschraube der Prognosegenauigkeit anscheinend genau richtig.

Mathematik statt manuellem Nachbessern

Hier mit dem Hebel der Prognosegenauigkeit anzusetzen, macht jedoch kaum Sinn, denn Sie werden mit manuellen Prozessen nicht zu systematisch besseren Prognosen gelangen. Eine kleine Verbesserung mag sich unter der Knute der Prognosegenauigkeit ergeben, wenn alle zu mehr Sorgfalt gedrängt werden; doch zu welchem Preis hinsichtlich Mitarbeitermotivation und Akzeptanz?

Um systematisch zu besseren Prognosen zu gelangen, müssen Sie zuerst einmal bei der Mathematik ansetzen. Spezielle Prognosesysteme bieten mittels Statistik, Simulation und Künstlicher Intelligenz, Unternehmen, die nur mit ihren ERP- oder Warenwirtschaftssystemen Prognosen ermitteln, deutliche Verbesserungspotenziale. Präzise jedoch werden die Prognosen nie werden, denn jede Marktnachfrage verhält sich bis zu einem gewissen Grad chaotisch und Chaos lässt sich nicht prognostizieren. Da nützt es auch nicht, über ein bestimmtes Maß hinaus, mathematisch aufzurüsten.

An dieser Stelle die Prognosegenauigkeit zu ermitteln, macht eigentlich auch keinen Sinn, denn wenn etwas unter wirtschaftlichen Aspekten nicht mehr systematisch verbessert werden kann, muss man es auch nicht ständig zu messen; zu mehr Sorgfalt muss man Algorithmen nicht drängen.

Das Chaos als Faktor akzeptieren

Es kann Sinn machen, „technische“ Prognosen um die Einschätzungen des Vertriebs zu ergänzen. Dabei stellt sich die Frage, welchen Mehrwert man damit erreicht. Der Vergleich zwischen der Genauigkeit der „technischen“ Prognose und der Genauigkeit der „hybriden“ Prognose ist die einzige Stelle, an der ein Messen der Prognosegenauigkeit evtl. Sinn macht.

Sehr viel mehr Sinn macht es in allen Fällen, die Breite des Chaos der Marktnachfrage zu messen und darauf die Sicherheitsbestände auszulegen. Denn: Der Kampf um die Lieferbereitschaft kann nur über die Sicherheitsbestände gewonnen werden, nicht über die Prognosegenauigkeit.

Übrigens, falls Sie jetzt eine kleine Auffrischung bezüglich der Prognosegenauikeit benötigen sollten, haben wir da etwas für Sie: Kurz und bündig – Prognosegenauigkeit


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

Weitere Beiträge | READ MORE