Kurz und bündig: ABC/XYZ-Analyse 

Andreas Kemmner

Die ABC/XYZ-Analyse ist einer Portfoliobetrachtung des Produktspektrums, bei der alle Artikel des Produktportfolios sowohl nach Umsatz (ABC) wie nach Ihrer Bedarfsregelmäßigkeit (XYZ) klassifiziert werden. Aus der ABC/XYZ-Analyse lassen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen hinsichtlich der Herausforderungen eines Bestandsmanagement und der Produktverfügbarkeit sowie bezüglich der Kostenoptimierung und der Strukturoptimierung in der Supply Chain und im Produktportfolio.

ABC/XYZ-Analyse: Das kleine Blutbild der Logistik

Wer gelegentlich einen Blick auf den wirtschaftlichen Erfolg seiner Produkte wirft, nutzt die ABC-Analyse und wer sich regelmäßig mit dem Management von Supply Chains beschäftigt, kennt auch die XYZ-Klassifizierung. Beide Betrachtungen zusammen ergeben das kleine Blutbild der Logistik, aus dem man wesentliche Erkenntnisse zur Verbesserung des Produktportfolios und zur Optimierung des Supply Chain Managements ableiten kann. Erstaunlicherweise ist die Anwendung weit weniger verbreitet, als man erwarten sollte. 

Die klassische Struktur der ABC-Analyse

Bei der ABC-Analyse klassifiziert man alle Fertigfabrikate, Halbfertigwaren, Rohstoffe oder Handelswaren entsprechend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Als Beurteilungswert werden dabei typischerweise der Umsatz und der Jahresverbrauchswert (Lagerabgangsmenge x Herstellkosten/Stk.) gelegentlich auch der Jahresdeckungsbeitrag der letzten vollen 12 Monate herangezogen. Da der Deckungsbeitrag auch negative Werte annehmen kann, wird hier die Klassifizierung meist etwas anders strukturiert. Sortiert nach fallendem Beurteilungswert, z.B. Jahresverbrauchswert, werden die Artikel, die die ersten 80% des Gesamtjahresverbrauchs über alle betrachteten Artikel ausmachen als A-Artikel klassifiziert. Die nächsten 15% als B-Artikel und die letzten 5% als C-Artikel. Artikel, die in den letzten 12 Monaten keinen Umsatz oder Jahresverbrauchswert aufwiesen, werden als „N“ klassifiziert. In der Praxis wird zuweilen auch mit mehr Klassen und mit anderen Klassengrenzen und Klassenbezeichnungen gearbeitet.

Die Grenzen der ABC-Analyse

Die ABC-Analyse alleine gibt nur ein einseitiges Bild des Erfolgsbeitrags der betrachteten Artikel. Der Erfolgsbeitrag eines Artikels hängt auch von dem logistischen Aufwand ab, den er verursacht. Ein wesentlicher Treiber des logistischen Aufwandes ist die Regelmäßigkeit, mit der Artikel vom Markt abgefragt werden. Ein teurer oder günstiger Artikel, der in kleiner oder großer Menge, sehr regelmäßig und in wenig schwankenden Mengen pro Zeiteinheit, z.B. Monate, nachgefragt wird, verursacht weniger logistischen Aufwand als ein gleich teurer und in gleicher Menge nachgefragter Artikel, dessen Nachfragemenge sehr stark schwankt und der sporadisch nachgefragt wird.

Je unregelmäßiger die Nachfrage, je schwankender die Nachfragemenge, desto höher ist der erforderliche Sicherheitsbestand, um eine gewünschte Lieferfähigkeit sicherzustellen und desto höher fallen beispielsweise die mit der durchschnittlichen Bestandshöhe verbundenen Lagerhaltungskosten aus. Im Allgemeinen steigt auch der Planungsaufwand bei diesen Artikeln beträchtlich an, was weitere Kosten verursacht und den Erfolgsbeitrag des Artikels drückt.

Das Prinzip der XYZ-Analyse

Den Aspekt der Bedarfsregelmäßigkeit bewertet die XYZ-Analyse. Als X werden Artikel mit geringer und als Z Artikel mit hohen Nachfrageschwankungen klassifiziert; Y-Artikel liegen entsprechend dazwischen. Als Bewertungskriterium für die Klassifizierung werden in der Praxis verschiedene Größen herangezogen. Wir verwenden den Variationskoeffizienten der Nachfrageschwankung eines jeden Artikels, verbunden mit dem sogenannten „Nullanteil“. Der Variationskoeffizient ergibt sich aus dem Quotienten von Standardabweichung und Mittelwert. Dadurch erreicht man eine Vergleichbarkeit der Nachfrageschwankungen zwischen Artikeln mit unterschiedlichen Nachfragemengen. Der Nullanteil erfasst den Anteil der Zeitperioden an der Gesamtzahl der Perioden, in denen kein Verbrauch stattgefunden hat. Wurde ein Artikel beispielsweise in 3 der letzten 12 Monate nicht nachgefragt, beträgt der Nullanteil 25%.

In unserer XYZ-Klassifizierung werden Artikel mit einem Nullanteil von mehr als 50% als Z2 klassifiziert. Bei Artikeln mit einem Nullanteil von maximal 50% liegen die Klassentrennungen bei Variationskoeffizienten von 0,5 (X zu Y) und 1 (Y zu Z). Artikel, die in dem Analysezeitraum keinen Verbrauch hatten, werden als N klassifiziert. Im Gegensatz zur ABC-Analyse findet also bei der XYZ-Analyse kein Rangreihenvergleich zwischen Artikeln statt, sondern jeder Artikel wird für sich alleine bewertet.

Die ABC/XYZ-Analyse liefert interessante Erkenntnisse

Bewertet man jeden Artikel nach ABC und XYZ und ordnet ihn damit einem der sich ergebenden Portfoliofelder zu, lassen sich interessante Charakteristika des Artikelportfolios erkennen.


Beispiel eines typischen ABC/XYZ-Portfolios | Abels & Kemmner


Zumeist werden im ABXY-Segment mit 20% bis 40% der Materialnummern 60% bis 80% des Umsatzes (bzw. des Jahresverbrauchswerts) erwirtschaftet. Am anderen Ende des Portfolios, im CZZ2-Segment, werden 2% bis 4% des Umsatzes mit 40% bis 60% der Materialnummern erreicht. Im CZZ2-Segment sind auch weit höhere Bestandsreichweiten erforderlich, um dieselbe Lieferbereitschaft zu erreichen, wie im ABXY-Segment.

Unser Tipp: Bei Fertigwaren wird im CZ2-Segment wird kein Geld verdient

Da zumindest ein Teil der Kosten einer Deckungsbeitragsrechnung nach Tragfähigkeit und nicht nach Kostenverursachung ermittelt wird, vermitteln die Deckungsbeiträge im CZZ2-Segment von Fertigwaren oft ein falsches Bild von der Rentabilität dieses Produktportfolios. In stichprobenhaften Prozesskostenuntersuchungen mussten wir immer wieder feststellen, dass zumindest im CZ2-Segment und auch von vielen Artikel im CZ-Segment keine positiven Deckungsbeiträge erwirtschaftet werden. Sortimentszwänge mögen dazu führen, dass Artikel in diesem Segment angeboten werden müssen. In diesem Falle muss aber konsequent nach dem Prinzip gehandelt werden „ohne AX kein CZ“. Kunden, die mit ihren ABXY-Artikeln zum Wettbewerb wechseln, dürfen keine CCZ2-Artikel mehr bestellen können.

Darüber hinaus sollten Sie im CZZ2-Segment eines Fertigwarenportfolios die Lieferbereitschaft reduzieren oder auf eine Mindestbestandsdisposition umstellen und durch geeignete Werkzeuge dafür sorgen, dass das CZZ2-Portfolio möglichst automatisch disponiert werden kann.

Weitere Vorteile

Fachleute gewinnen aus dem ABC/XYZ-Portfolio noch zahlreiche weitere Hinweise, z.B. hinsichtlich Kanban-Eignung, Automatisierbarkeit von Planung und Disposition und falsch gesetzten logistischen Entkopplungspunkten.

Dies zu diskutieren, würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen.


Andreas Kemmner

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Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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