Ein neues Zeitalter der Disposition 

Andreas Kemmner

Ich komme gerade zurück vom diesjährigen Forum Sales and Operations Planning des BME, das ich moderieren und dessen Keynote ich halten durfte. Durch alle Vorträge hindurch ist deutlich geworden, dass der Grad an IT-Unterstützung bei der Aufbereitung und Verarbeitung der Demand-Seite und der Supply-Seite deutlich zunimmt.

IT in der Planung und Steuerung von Prozessen ist nun nicht gerade etwas bahnbrechend Neues, und doch kommt eine neue Qualität ins Geschehen: Die Prozesse werden zunehmend automatisiert. Fungierten die ERP- und sonstigen Planungssysteme lange Zeit als Datenbank mit Benutzeroberfläche, wird nun zunehmend daran gearbeitet, Prozesse und Entscheidungen zu automatisieren. Dies ist ein Trend, der sich in den letzten fünf Jahren massiv verstärkte. Etwas pathetisch ausgedrückt, bewegen wir uns auf ein neues Zeitalter der Planung und Disposition zu, das mit einem Paradigmenwechsel einhergeht, vergleichbar dem Paradigmenwechsel von der mechanischen Werkzeugmaschine zur CNC-Maschine. So wie sich bei der Werkzeugmaschine in recht kurzer Zeit die Aufgabenstellung von der ausführenden Arbeit zum abstrakten Vorausplanen der Teilebearbeitung bei der CNC-Programmierung veränderte, verändert sich Planungs- und Dispositionsarbeit. Das ERP-System ist nicht mehr das Instrument, das erst in den Händen des Planers oder der Disponentin zu einem vernünftigen Planungsergebnis oder einem passenden Bestellvorschlag kommt. Vielmehr müssen die Planungsentscheidungen und Regeln so vorausgedacht und eingestellt werden, dass die „Maschine“ ERP-System von sich aus ein passendes Planungs- und Dispositionsergebnis liefert.

Diese Entwicklung wird ein deutliches Umdenken in Planung und Disposition erfordern; es wird mehr abstrakt Vorausdenken als operativen Eingreifen notwendig werden, womit auch die Anforderungen an das abstrakte Denken und die theoretischen Kenntnisse der Anwender wachsen.

Deutlich geworden ist dies im Vortrag von Herrn Ehm, von der Infineon AG, der unter anderem eindrucksvoll zeigte, welchen Aufwand an eLearning und akademischer Qualifizierung Infineon in die Weiterbildung seiner Mitarbeiter im Supply Chain Management steckt.

Gerade im Sales and Operations Planning wird aber auch deutlich, dass der Mensch so schnell nicht zu ersetzen sein wird. Die Aufgaben verschieben sich lediglich dorthin, wo auch die heutige Planungs- und Dispositionstechnologie auf absehbare Zeit noch nichts zu leisten vermag.


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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