Industrie 4.0 – Jahrmarkt der Visionen 

Andreas Kemmner

Wie geht es bei Ihnen eigentlich voran mit Industrie 4.0? Wenn es Ihnen wie einem knappen Drittel der deutschen Unternehmen geht, dann haben Sie bisher eher wenig in Ihrer Unternehmenspraxis umgesetzt und haben eher das Gefühl, dass Sie noch weit weg sind von diesen Dingen. Einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (IEW) zufolge hat sich ein knappes Drittel der Unternehmen noch nicht mit Industrie 4.0 beschäftigt; in Unternehmen unter 50 Mitarbeitern betrifft dies sogar die Hälfte [1].

Woran liegt es? Fühlen sich all diese Unternehmen von dem Thema Industrie 4.0 nicht betroffen? Immerhin ist der Umfrage zufolge ein anderes Drittel der befragten Unternehmen schon intensiv bei der Umsetzung von Industrie 4.0.

Ein bisschen weiter, als manche von uns glauben, sind wir doch alle schon, denn ein Stückchen Digitalisierung gibt es bereits seit langem in praktisch allen unseren Unternehmen. Den Weg von der manuellen Drehbank über NC zu CNe und vielleicht hin zum DNC-Betrieb haben die meisten Produktionsunternehmen bereits gemacht. Ist das nicht auch schon ein Stück Industrie 4.0? Der CNC-Betrieb ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, spornt aber wohl keinen mehr zu Begeisterung über den technischen Fortschritt an. Der DNC-Betrieb bringt hingegen echte Vernetzung in die Fabrik.

Ist es vielleicht eher so, dass die meisten Unternehmen in Sachen Digitalisierung der Fabrik bereits unterwegs sind, aber viele dies gar nicht als Industrie 4.0 verstehen würden? Mich würde dies nicht wundern. Verfolgt man die Diskussion der Auguren, könnte man meinen, Fabrik 4.0 beginnt erst, wenn Maschinen, Werkstücke, Werkzeuge und Vorrichtungen direkt miteinander kommunizieren. Da wird über cyberphysikalische Systeme und das Internet der Dinge gesprochen, über die alles mit allem kommuniziert und möglichst dezentral Entscheidungen trifft. Und damit die einzelnen Komponenten in der Industrie 4.0-Welt wissen, was in ihrer Umwelt Sache ist, wimmelt es nur so von Sensorik, die alles misst, fühlt, sieht. Dezentrale Intelligenz sprüht in allen Dingen und so diagnostiziert, konfiguriert und optimiert sich alles selbst.

In der publizierten Welt der Fabrik 4.0 werden die Früchte teilweise sehr hoch gehängt; spannend ist und diskutiert wird, was .State beyond the Art“ ist und so wird ein Bild der Industrie 4.0 aufgebaut. die mehr ein Bruch mit dem Bestehenden erfordert, als dass sie dessen kontinuierliche Weiterentwicklung darstellt.

Einen anderen Weg als kontinuierliche Weiterentwicklung wird es jedoch nicht geben können, denn Industrie 4.0 ist investitionsintensiv; Geschenkt gibt es die ganze Automatisierung in der Fabrik nicht. Bei Werkzeugmaschinen denken wir eher in Investitionszyklen von zehn bis 15 Jahren als in fünf-Jahres-Schritten. So wird sich die Digitalisierung der Fabrik kontinuierlich weiterentwickeln und uns währenddessen auch die Zeit lassen, bestimmte Probleme, wie  Beispielsweise das. Thema Datensicherheit, besser in den Griff zu bekommen.

Wir befinden uns am Beginn einer (informations-)technischen Entwicklung, die immer weiter voranschreiten wird. Aber genauso wenig, wie die industrielle Revolution eine solche war, werden wir die Industrie 4.0 als eine empfinden. Heute erleben wir zuweilen noch einen Jahrmarkt visionärer Ideen, deren Praktikabilität sich Stück für Stück herausschälen wird.


[1] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/industrie-4-0-bei-jedem-dritten-betrieb-bisher-kein-thema-14478958.html


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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