Supply Chain Optimierung für den Elektro-Großhandel 

Andreas Kemmner

Automatisierte Disposition mini­miert Port­folio-Risi­ken

von Mariusz Zdanowiecki, RCS Sp.z.o.o., und Andreas Capellmann, SCT GmbH

Standorte von ASAJ in Polen
Standorte von ASAJ in Polen; © by ASAJ

Wollen Großhändler im Internet­zeitalter bestehen, müssen sie immer mehr Artikel in immer kürzerer Zeit liefern können. Damit die Lager­bestände bei hundert­tausend und mehr Artikeln nicht explodieren, kann nur eine automati­sierte Dispo­sition die Bestände senken, ohne die Liefer­bereitschaft in Leidenschaft zu ziehen oder alternativ die Personal­kosten in die Höhe schnellen zu lassen. Advanced Planning & Scheduling Software wie DISKOVER SCO der SCT GmbH können hier helfen. So die Erfahrungen des in der FEGIME organisierten Groß­händlers ASAJ.

Heute sind wir es gewohnt, binnen 24 Stunden selbst die exotisch­sten Produkte per Post mit Losgröße 1 geliefert zu bekommen. Das hat auch immense Auswirkungen auf die B2B Nachfrage im Einzel­handel und Handwerk. Groß­händler müssen ihr Sortiment erweitern und/oder vertiefen, um die zunehmend fragmen­tierte Nach­frage zuverlässig befriedigen zu können. Lager­kapazitäten für eine schnelle Lieferung kann man aber nicht beliebig erweitern, da zunehmende Artikel­vielfalt ja auch Kosten bindet. Neben der reinen Kapital­bindung, die große Mengen an Liquidi­tät bindet, die an anderer Stelle evtl. wirkungs­voller eingesetzt werden könnte, verursachen Bestände 18 bis 30 Prozent der Bestands­werte an laufenden Kosten pro Jahr. Diese setzen sich aus Kapital­kosten, Versicherungen, Verwaltungs­aufwänden, Über­alterung und Verschrottung und weiteren Kosten­größen zusammen. Diese Kosten muss der Groß­handel bezahlen, wenn seine Logistik­kette nicht stimmt. Wie kann man aber trotz steigenden Artikel­zahlen und sinkender Nachfrage pro Artikel die Liefer­bereit­schaft steigern und gleichzeitig die Beständen abbauen?

Dispo­sitions­prozesse optimieren

In erster Linie ist es eine Frage von besseren Dispo­sitions­prozessen. Man kann beispiels­weise Schnell­dreher in kürzeren Abständen ordern. Das reduziert die Lager­kapazitäten. Besonders selten nachgefragte Produkte wiederum bestellt man nur bei Bedarf und verbannt sie aus dem Lager. Zudem kann man in den meisten Groß­handels­unternehmen auch die logistischen Stell­größen noch optimieren. So werden Sicher­heits­bestände oft nur aus dem Bauch geplant und ohne allgemein­gültige Regelwerke ‚bedarfs­gerecht‘ justiert. Einen Paletten­platz im LKW mit Langsam­drehern zu füllen, nur um Fracht­kosten zu sparen, kann ebenfalls die Lager­bestände ‚nachhaltig‘ in die Höhe treiben. Es gilt also vieles über die gesamte Supply Chain hinweg zu optimieren.

Methoden- und Tool-Kompetenzen

Methoden- und Tool-Kompetenzen sind hierfür gefragt. Zu den wichtigsten Aufgaben zählt dabei eine erweiterte ABC Analyse. Also eine Klassi­fizierung des vollständigen Artikel­sortiments nach

  • ABC – wirtschaftliche Bedeutung,
  • XYZ – Regelmäßigkeit des Verbrauchs,
  • STU – Anzahl Kunden pro Artikel sowie
  • ELA – Lebenszyklus

Diese Klassifi­zierungs­merkmale sind wichtige Größen für die Entscheidung, welche Planungs- und Dispo­sitions­parameter für welche Artikel eingestellt werden sollten und welche Artikel­klassen wie zu planen und zu disponieren sind. Mit solchen grund­legenden Analysen kann man schon schnell bestehende Bestände sinken lassen und gleichzeitig die Liefer­bereit­schaft steigern. Aber all solche Analysen und daraus abzuleitende Maßnahmen reichen nicht aus, wenn Disponenten beispiels­weise nicht auch mit einer passenden Software unterstützt werden.

Zu dieser Erkenntnis kam auch die polnische Groß­handels­kette ASAJ Sp. Z o.o., die im Bereich Elektro- und Beleuchtungs­technik tätig und Mitglied der FEGIME[1] Polen ist. Das Unternehmen betreibt 21 Filialen, beschäftigt 300 Mitarbeiter und das Angebot umfasst derzeit rund 275.000 Artikel, die es täglich neu zu disponieren gilt. Schon alleine die Anzahl der Artikel lässt dabei erahnen, wie groß die Bedeutung eines zeitgemäßen EDV-Systems ist. Lange Zeit setzte ASAJ auf die Erweiterung seines ERP-Systems, um die Mitarbeiter der Einkaufs­abteilung bei der Erstellung von Liefer­bestellungen effektiv unterstützen sollten. Zunehmend stellt sich die Frage, ob das Engagement einer einzelnen IT-Abteilung ausreicht, um mit den ausgereiften Lösungen spezieller Prognose- und Dispo­sitions­systeme, die am Markt verfügbar sind, mitzuhalten und ob das Know How der Weiterentwicklung im eigenen Unternehmen erhalten und ausgebaut werden kann. Bei ASAJ reifte die Erkenntnis, dass ein massiver Schritt nach vorne, die Wett­bewerbs­fähig­keit verbessern und die laufenden Kosten des Unternehmens deutlich senken könnte. Um die strategischen Vorgaben einer modernen Planung und Disposition für ASAJ zu erarbeiten, vertraute sich ASAJ einem Spezialisten für Logistik­beratung an und zusammen wurden vier Ziele definiert, die mit dem Einsatz einer solchen Software-Lösung erreicht werden sollen:

  1. Verringerung des Arbeits­aufwands und somit Verringerung der anfallenden Kosten bei Bestell­vorbereitungen.
  2. Vollständige Automatisierung der Nach­bevor­ratung der 21 Filialen aus den drei
  3. Vollständige Automatisierung der Umlagerung von Artikeln mit einer geringen Umschlags­häufigkeit.
  4. Herunterfahren der Lagerbestände und gleichzeitige Erhöhung des Liefer­bereitschafts­grads.
Entwicklung der Gesamtbestände vs. Liefer­bereitschafts­graden bei ASAJ
Entwicklung der Gesamtbestände vs. Liefer­bereitschafts­graden bei ASAJ; © by RSC

Für die Implemen­tierung empfahlen die polnischen Logistik­berater das Advanced Planning and Scheduling (APS) Software-Tool DISKOVER SCO, das von der SCT GmbH in Herzogenrath / Aachen hergestellt und über den Implemen­tierungs­spezialisten RCS in Polen vertrieben und eingeführt wird. Nachdem die Wahl auf das Team SCT und RCS gefallen war, wurde seitens der Einkaufs­abteilung von ASAJ ein differenziertes Pflichten­heft der speziellen Anforderungen seitens ASAJ erarbeitet und mit RCS abgestimmt. Zu dem von ASAJ eingesetzten ERP-System Comarch ERP XL verfügte DISKOVER über keine Standard­schnitt­stellen. Diese konnte jedoch seines der IT-Abteilung und dank deren umfang­reicher Detail­kenntnisse des COMARCH-Systems zügig innerhalb eines Monats realisiert werden.

Unkomplizierte Einführung der neuen APS-Software in den Arbeits­alltag

Die zweite Etappe der Einführung der APS-Software beinhaltete die Anwender­schulung. Der Ansatz eines Trainings on the Job, bei der die Mitarbeiter geschult werden, indem sie im Arbeits­alltag direkt mit der neuen Software interagieren, hat sich dabei bewährt und konnte nach lediglich drei Wochen bereits weitgehend abgeschlossen werden.

Eine echte Heraus­forderung bei der Implemen­tierung der APS-Software war die Wahl eines Zeit­punktes für den Go-Live, also der kompletten Um­stellung von den bisherigen eigenen ASAJ-Werk­zeugen für die Prognosen und Bestellungen auf das DISKOVER-System. In der Praxis bedeutete das, dass die bis dahin verwendeten Methoden und Denkweisen in Mindest­bestand und Höchst­bestand durch das stärker statistisch geprägte Konzept von Liefer­bereitschafts­grad und Sicher­heits­bestand ersetzt werden mussten. Letztlich konnte diese Um­stellung für das gesamte Unternehmen an nur einem Tag realisiert werden, da die Einkaufs­abteilung sehr gut auf die selbständige Bedienung der APS-Software vorbereitet war. Um die Sicherheit des Projektes noch zu erhöhen, unter­stützte RCS während der Start­phase die Anwender bei ASAJ telefonisch und durch Fern­zugriff mittels TeamViewer.

In den ersten Wochen des Produktiv­betriebs  unter­stützte RCS darüber hinaus die Mit­arbeiter von  ASAJ bei der Optimierung der wichtigsten Dispo­sitions­parameter. Robert Dabrowski, der Projekt­leiter, fasst zusammen: „Unser Partner, die Firma RCS, hat immer prompt unsere Fragen beantwortet und uns bei der Parameter­einstellung und Optimierung beständig unterstützt. Die vollständige Implemen­tierung der APS-Tools hat von der Auftrags­unter­zeichnung bis zum Produktiv­start lediglich 3 Monate gedauert.

Alle Ziele erfolgreich umgesetzt

Die vier Ziele der APS-Implemen­tierung konnten mittels DISKOVER und dank eines geschickten und prag­matischen Ein­führungs­konzeptes alle erfolgreich umgesetzt werden. „Das über­geordnete Ziel der Implemen­tierung ist es, mit einem minimalen Kapital­aufwand einen maximalen Gewinn zu erreichen“, erklärt Kamil Kulma, Produktions­manager im Lenkungs­ausschuss des Projekts. „Diesem Ziel nähern wir uns Schritt für Schritt und DISKOVER SCO hilft uns dabei, unsere Wett­bewerbs­fähigkeit zu steigern und unseren Gewinn signifikant zu erhöhen.“


[1] FEGIME  Fédération Européenne des Grossistes Indépendants en Matériel Electrique (Europäischer Verband unabhängiger Elektro­großhändler) ist ein Zusammen­schluss von über 160 Groß­handels­unternehmen aus neun euro­päischen Ländern.


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner ist Co-CEO der Abels & Kemmner Group und hat in 30 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 200 nationale und internationale Projekte durchgeführt und war über 10 Jahre der einzige öffentlich bestellter Sachverständige für die Wirtschaftlichkeitsbeurteilung von Industriebetrieben in Deutschland.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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