Steuern Sie Ihre Fabrik noch ohne App? 

Andreas Kemmner

Steuern Sie Ihre Fabrik noch ohne App?

Was macht Apps eigentlich so reizvoll? Ich kenne jede Menge Leute, die Apps sammeln ohne sie später wirklich zu benutzen. Always be prepared, man könnte die App ja mal brauchen. Vorbereitet zu sein, gibt ein Gefühl von Sicherheit.

Vor einigen Jahren, als Apps noch nicht geboren waren, gab es eine Fernsehwerbung, von einem Notebookhersteller, wenn ich mich noch richtig entsinne, in dem zwei junge Männer irgendwo in Italien vor einem Café in der Sonne saßen und wichtige geschäftlichen Aktivitäten mit wenigen Klicks auf dem Bildschirm erledigten. Heute würden die Herren wohl kein Notebook mehr benutzen, sondern eine App auf ihrem Smartphone. Die App auf dem Smartphone bedeutet Freiheit; sie bindet mich nicht mehr an meinen Schreibtisch, sondern erlaubt mir meine Aufgaben überall zu erledigen; aber leider nicht nur überall, sondern auch zu jeder Zeit. Zum Glück bietet eine gute App „Push Notifications“, sodass ich zuverlässig angepiepst werde, wenn es irgendwo in meinem betrieblichen Umfeld brennt; Tag und Nacht versteht sich!

Längst haben Apps auch schon bei ERP-Systemen und technischer Software Einzug gehalten. Ist es nicht cool, wenn Sie auf Ihrem Smartphone sehen können, wie sich die Bestände in den letzten Wochen entwickelt haben, welche Artikel unterdeckt sind, welche Bestellungen Sie heute lostreten müssen oder welche Ihrer 250 Werkzeugmaschinen in dieser Sekunde steht?

Weniger begeisterungsfähige Kollegen könnten fragen, wofür man immer gerade dann solche Informationen benötigt oder bearbeiten muss, wenn man kein Notebook zur Verfügung hat und an fernen Gestaden weilt. Wer noch kritischer ist, könnte sich wundern, warum wir eigentlich immer größere Bildschirme und möglichst direkt zwei davon auf unserem Schreibtisch benötigen, um alle entscheidungsrelevanten Informationen überblicken zu können, während uns unterwegs die App auf dem Smartphone reicht.

So negativ wollen wir nicht denken und einmal das Positive in der Entwicklung sehen:

Jeder von uns nutzt E-Mail auf dem Smartphone; nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum Notebook oder Tablet mit Dockingstation am Schreibtisch. Die Wirtschaft dreht sich so schnell, dass wir immer schneller reagieren müssen. Nicht immer ist die schnelle Reaktion auf eine Mail notwendig, aber es im Notfall zu können, gibt Sicherheit. Möglicherweise hat erst die E-Mail-App dem Smartphone zum Durchbruch verholfen.

Warum sollten wir im betrieblichen Bereich nicht auch auf den Post-it-Effekt setzen und nach „the next big app-lication“ suchen, die gestern noch keiner kannte und ohne die heute keiner mehr leben kann?

Unsere Produkte, unsere Prozesse und unsere Software werden immer intelligenter; die Entscheidungen die wir treffen müssen, sollten im Gegenzug immer einfacher werden. Wozu nutzt uns die gesamte Intelligenz, wenn sie uns nicht entlastet? Einfache Entscheidungen, wie Start oder Stopp, Hebel links oder rechts, mehr oder weniger, benötigen nicht viel Platz auf einem Bildschirm. Lasst deshalb kleine Apps um mich sein! Endlich halten sich meine Mitarbeiter an die Vorgaben und Systemvorschläge, denn auf dem Smartphone gegenzusteuern ist viel zu lästig. Und wenn die App dann mehr gesammelt als genutzt wird – auch egal; always be prepared.


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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