Im Takt des Kunden Produktivität vergeuden 

Andreas Kemmner

Aus dem Lean Management und dem Wertstromdesign wissen wir, dass man immer im Takt des Kunden fertigen sollte. Sind Sie Serienfertiger und liefern Ihre Produkte an die Industrie? Dann fertigen Sie doch sicherlich im Takt Ihrer Kunden, oder?!

Ein Produktionsleiter sagte mir dazu einmal: „Ich würde ja gerne im Takt meines Kunden fertigen, wenn der einen Takt hätte!“ Damit sind wir schon auf das erste Problem gestoßen: Viele Unternehmen – auch im Serienfertigungsbereich – lassen in ihren Bestellungen  keinen Takt erkennen.  Und dies ist nicht metaphorisch gemeint, sondern materialwirtschaftlich betrachtet. Ein Taktmechanismus liegt vor, wenn ungefähr gleiche Mengen in ungefähr gleichen Zeitabständen bestellt werden. Im Serienfertigungsbereich klappt es mit dem Rhythmus der Bestellungen – z.B. täglich oder wöchentlich –  gelegentlich sehr gut; nur mit der Gleichmäßigkeit der Bestellmengen hapert es.

Hier liegt das Problem: Um wirtschaftlich fertigen zu können, sind bestimmte Losgrößen erforderlich und zuweilen erfordern bestimmte Produktionstechnologien auch bestimmte Fertigungslosgrößen, um zuverlässig zu arbeiten. Wenn die Bestelllosgrößen des Kunden geringer sind als die sinnvollen eigenen Fertigungslosgrößen, dann ist eine Fertigung im Takt des Kunden unwirtschaftlich, weil Rüstzeit und / oder Rüstkosten im Verhältnis zur Produktionszeit zu groß werden. In der Konsequenz weicht man vom Kundentakt ab und gleicht den Unterscheid zwischen Fertigungsrhythmus und Rhythmus des Kundenbedarfs durch Zwischenlagerbestände aus. Im Lean-Sprech ausgedrückt, ist die Verschwendung durch Bestände geringer als die Verschwendung durch unangepasste Fertigungskapazität.

Doch man muss nicht immer auf Lager fertigen, denn auch gegen zu große und damit unflexible Fertigungslosgrößen ist ein Lean-Kraut gewachsen: Rüstzeitreduzierung. Leider entwickeln sich die Kosten der Rüstzeitreduzierung jedoch exponentiell: Die ersten Schritte lassen sich zwar oft noch kostengünstig erreichen, doch irgendwann wird es extrem teuer, die wirtschaftliche Losgröße an einer Fertigungseinheit weiter herunter zu kommen. Auch bei der Rüstzeitreduzierung gibt es eine wirtschaftliche Grenze.

Aber lassen Sie uns einen mutigen Sprung nach vorne machen und so tun, als hätten wir Rüstkosten und -zeiten besiegt! Nun steht unserer Fertigung im Kundentakt nichts mehr im Wege, oder?!

Wenn Ihre Fertigungslinie nur ein Produkt für einen Kunden herstellt, kann es jetzt in der Tat losgehen mit dem Takt. Doch was ist, wenn die Fertigungslinie für mehrere Kunden und / oder unterschiedliche Teile fertigen muss? Was ist, wenn Ihre Kunden ihre Takte in Laufe der Zeit verändern?

Sofern Sie keine Verschwendung durch Überkapazität betreiben, werden Sie immer wieder an Kapazitätsgrenzen stoßen und die Produktion zeitlich anders verteilen müssen. Selbst wenn Sie dafür die Fertigungs- oder Montagelinie ausnivellieren, werden Sie kaum die Takte ihrer Kunden einhalten können.

Wir sehen: Im Takt des Kunden zu fertigen ist als Vision gut, aber als Ideologie schlecht. Im Takt des Kunden zu fertigen vergeudet oft ein gehöriges Stück an Produktivität. Pufferbestände sind zuweilen günstiger als Produktivitätsverluste.


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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