Staus in der Fertigung umfahren 

Andreas Kemmner

Stellen Sie sich vor, Sie fahren jeden Morgen Ihren üblichen Weg ins Büro. Und jetzt im Frühling, wenn viele von öffentlichen Verkehrsmitteln auf den PKW umsteigen, nimmt der Verkehr auf der Straße jeden Morgen schleichend etwas zu. Das führt zu längeren Schlangen an den Ampeln, einer langsameren Durchschnittsgeschwindigkeit und, dadurch bedingt, verspäteten Ankunft am Arbeitsplatz.
Wahrscheinlich reagieren Sie darauf, indem Sie etwas früher losfahren; im Laufe der Zeit schleichend immer noch etwas früher. Da die anderen Pendler ähnlich reagieren, stehen Sie nach einiger Zeit mit denselben Mitreisenden im selben Stau wie zuvor; nur eben eine halbe Stunde früher. Und trotzdem kommen Sie noch zu spät in die Firma.
Richtig problematisch und überhaupt nicht mehr planbar wird es, wenn auf der Strecke viele Polizeiautos, Krankenwagen oder Feuerwehrautos mit Blaulicht unterwegs sind. In dem Maße, wie diese sich die Vorfahrt ‚erzwingen‘, wird die Terminsituation für die anderen Fahrzeugfahrer noch etwas unsicherer. Vermutlich werden Sie irgendwann aufgeben, noch etwas früher losfahren zu wollen und in Kauf nehmen, etwas zu spät ins Büro zu kommen.

Was Sie womöglich aus dem Straßenverkehr kennen, kommt in ähnlicher Form auch in der Produktionssteuerung vor und äußert sich als typischer Fehlerkreis der Fertigungssteuerung: Der Auftragseingang steigt und es werden mehr Fertigungsaufträge freigegeben. Die Warteschlangen an den verschiedenen Bearbeitungsstationen nehmen zu und der Anteil der Aufträge, die pünktlich fertig werden, nimmt ab. Die Fertigungssteuerung greift ein und „jagt Termine“, indem besonders wichtige Fertigungsaufträge Priorität erhalten und in den Warteschlangen an den Produktionsanlagen nach vorne geschoben werden. Für einige wenige Aufträge lassen sich so die Termine retten, die große Menge der Aufträge wird tendenziell aber noch später fertig. Wenn meine Fertigungsaufträge aber laufend zu spät fertig werden, bleibt mir als Fertigungssteuerer nichts weiter übrig, als diese früher einzusteuern. Die Warteschlangen werden dadurch zwangsläufig noch länger, der Umlaufbestand in der Produktion steigt, es wird noch mehr priorisiert und die Termintreue nimmt noch weiter ab.

Wie in unserem Verkehrsbeispiel gibt auch die Fertigungssteuerung irgendwann den Versuch auf, die Aufträge noch früher einzusteuern und hofft, der Situation mit Terminjägerei Herr zu werden. Der Fehlerkreis der Fertigungssteuerung stabilisiert sich auf hohem Niveau.

In einem von uns betreuten Unternehmen fanden wir in der mechanischen Bearbeitung Durchlaufzeiten von ca. vier Wochen vor, obwohl die Arbeitsinhalte der einzelnen Fertigungsaufträge, einschließlich des Rüstens, kaum mehr als zehn bis zwölf Stunden (!) in der Spitze betrugen!

Ein Vergleich der Fertigungsstundenbedarfe, die im Laufe der vergangenen Monate pro Woche durchschnittlich pro Woche in die Produktion gegeben worden waren, mit der Menge der entlasteten Produktionsstunden pro Woche zeigte, dass Zugangs- und Abgangsrate im Schnitt gleich waren.
Dies ist ein typischer Effekt des Fehlerkreises der Fertigungssteuerung: trotz der langen Durchlaufzeiten und Umlaufbestände in der Produktion wird im längeren Schnitt nicht mehr Arbeitsvolumen pro Zeiteinheit in die Produktion gegeben, als aus der Produktion heraus fließt.

Wie können Sie dem Fehlerkreis der Fertigungssteuerung entgehen? Nur theoretisch möglich wäre es, keine Fertigungsaufträge mehr in die Produktion zu geben. Deutlich sinnvoller ist es hingegen, die Fertigungskapazitäten besser – und vor allem zeitnah – an die Bedarfe anzupassen. In der Praxis wird hingegen zumeist viel zu zögerlich auf einen erhöhten Kapazitätsbedarf reagiert.

Wenn Sie aber auf einen erhöhten Kapazitätsbedarf kurzfristig durch ein erhöhtes Kapazitätsangebot antworten, vermeiden Sie den Fehlerkreis der Fertigungssteuerung und halten die Zugangsrate in und die Abgangsrate aus Ihrer Produktion im Gleichgewicht. Anschließend sollten Sie den Umlaufbestand noch auf das tatsächlich notwendige Maß senken. Dazu müssen Sie vorübergehend die Produktionskapazität durch unterschiedliche Maßnahmen ausweiten: Fremdvergabe von Aufträgen, Überstunden, Wochenendarbeit und Geisterschichten sind einige mögliche Hebel. In dem erwähnten Unternehmen benötigten wir ca. sechs Monate, um auf diese Weise die Durchlaufzeiten von vier Wochen auf vier Tage zu verringern.

Den für Ihr Unternehmen aus strategischen und wettbewerblichen Gründen richtigen Umlaufbestand in der Produktion können sie genau einmessen, dies ist jedoch eine andere Baustelle. Mit obigem Ansatz können Sie aber bereits Staus in der Fertigung umfahren. Gute Fahrt!


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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