{"id":7608,"date":"2012-09-20T11:32:10","date_gmt":"2012-09-20T09:32:10","guid":{"rendered":"https:\/\/ak-online.de\/?p=7608"},"modified":"2024-05-22T14:57:40","modified_gmt":"2024-05-22T12:57:40","slug":"teil-3-best-practice-regeln-fur-das-produkt-portfoliomanagement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ak-online.de\/de\/teil-3-best-practice-regeln-fur-das-produkt-portfoliomanagement\/","title":{"rendered":"Teil 3: Best Practice Regeln f\u00fcr das Produkt-Portfoliomanagement"},"content":{"rendered":"<h6>Von Prof. Dr. G\u00f6tz-Andreas Kemmner<\/h6>\n<p><strong>Auf der Zielgeraden zum perfekt gepflegten Produktportfolio markieren die letzten f\u00fcnf Bausteine die Etappen. Sie haben nun in den ersten beiden Teilen erfahren, warum Sie sich dem Sortimentszwang nicht beugen sollten und stattdessen besser nah am Kunden abstimmen, welcher Artikel Ihr Sortiment verl\u00e4sst. Auch wissen Sie jetzt, warum Ihre Wertsch\u00f6pfungskette besonders oft durch CZ-Artikel gesprengt wird \u2013 und Sie daher \u201erostige\u201c Glieder aussortieren oder aufpolieren m\u00fcssen.<\/strong><\/p>\n<p>Auf welchen Wegen Sie auch immer zu einer Bereinigung Ihres Produkt-Portfolios gelangen m\u00f6gen, damit eine Produktbereinigung aus logistischer Sicht m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstig verl\u00e4uft, m\u00fcssen Sie <strong>Grundprinzip 7<\/strong> beachten:<br \/>\n<strong>Eine Supply Chain braucht Zeit zum Leerlaufen, um die Kosten f\u00fcr Restbest\u00e4nde gering zu halten.<\/strong><\/p>\n<p>Restbest\u00e4nde sind ein regelm\u00e4\u00dfiges \u00c4rgernis in der Logistik. Sie entstehen immer dann, wenn Produktionsmengen am Markt nicht mehr verkauft werden k\u00f6nnen und daf\u00fcr gibt es unterschiedlichste Gr\u00fcnde:<br \/>\nZu hohe Bedarfsprognosen f\u00fcr Neuanl\u00e4ufer oder lebende Produkte f\u00fchren zu Mengen, die Sie entweder nie mehr abverkaufen k\u00f6nnen, die das Haltbarkeitsdatum \u00fcberschreiten oder durch technische \u00c4nderungen nicht mehr oder nur noch im Customer Service als Ersatzteile einsetzbar sind.<\/p>\n<p><!--more-->Eine weitere, oft jedoch vernachl\u00e4ssigte Ursache von Restbest\u00e4nden und Entsorgungskosten resultiert aus der Produktbereinigung. Bei Unternehmen, die f\u00fcr einen anonymen Markt produzieren, sollte ein Produktauslauf immer in zwei Stufen erfolgen: In Stufe 1 wird das Produkt \u201eintern\u201c abgek\u00fcndigt. Logistisch bedeutet dies, dass das Sourcing des Produktes selbst oder der produktspezifischen Rohstoffe, Materialien und Halbfabrikate angehalten wird. Lassen Sie die Wertsch\u00f6pfungs- Pipeline m\u00f6glichst weitgehend leerlaufen, ehe Sie in Stufe 2 das Produkt \u201eextern\u201c abk\u00fcndigen. Ist das Produkt erst einmal aus dem Markt genommen und nicht mehr im Katalog oder auf den Webseiten zu finden, k\u00f6nnen Sie die Restbest\u00e4nde auf den verschiedenen Stufen der Wertsch\u00f6pfungskette nur noch f\u00fcr Ersatzteil- und Garantiezwecke verwerten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15392\" aria-describedby=\"caption-attachment-15392\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.ak-online.de\/\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Portfoliomanagement_Abb4.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15392 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Portfoliomanagement_Abb4-300x247.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Portfoliomanagement_Abb4-300x247.png 300w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Portfoliomanagement_Abb4-600x495.png 600w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Portfoliomanagement_Abb4-1024x845.png 1024w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Portfoliomanagement_Abb4-768x633.png 768w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Portfoliomanagement_Abb4.png 1324w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15392\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 4: Eine zweistufige Abk\u00fcndigung eines Produktes stellt sicher, dass die Restbest\u00e4nde in der Supply Chain abflie\u00dfen k\u00f6nnen<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Best-Practice-Baustein 7<\/strong> lautet aus diesem Grunde:<br \/>\n<em>Bei Unternehmen, die f\u00fcr einen anonymen Markt fertigen, erfolgt ein Produktauslauf immer in zwei Stufen: interne Abk\u00fcndigung und externe Abk\u00fcndigung. <\/em><\/p>\n<p>Auf anonymen M\u00e4rkten kennen Sie Ihre Kunden zwar statistisch, nicht aber pers\u00f6nlich. Im Gegensatz dazu muss in bekannten M\u00e4rkten, vor allem im Investitionsg\u00fcterbereich, der Kunde als individueller Vertragspartner verstanden werden. Unternehmen, die dies nicht ber\u00fccksichtigen, lernen <strong>Grundprinzip 8<\/strong> schnell kennen:<br \/>\n<strong>Kunden reagieren negativ auf Produktbereinigungen, wenn sie nicht informiert werden und keine Zeit zum Reagieren haben. <\/strong><\/p>\n<p>Freiwillig verzichtet wohl niemand gerne auf Produkte, an die er sich gew\u00f6hnt hat. Viele Kunden, die Sie fragen und damit praktisch um die Genehmigung einer Produktbereinigung bitten, werden zuerst einmal widerstreben.<br \/>\nAus diesem Grunde sollte im Vorfeld der Kundeninformation schon klar sein, um welche Produkte und Varianten Sie Ihr Produktportfolio bereinigen wollen. Der Vertrieb kann die Kunden dann \u00fcber Alternativprodukte, m\u00f6glichst nat\u00fcrlich aus dem eigenen Unternehmen, informieren. Wenn es kein Alternativprodukt im eigenen Unternehmen mehr gibt, Sie aber eine geeignete Alternative eines Wettbewerbers kennen, sollten Sie den Kunden darauf hinweisen. Wenn er das Produkt ben\u00f6tigt, wird er Ihren Wettbewerber sowieso finden. Wenn Sie ihm gleich den richtigen Weg weisen, verbessern Sie Ihre Karten ein wenig; besonders, wenn der Kunde mit anderen Produkten weiterhin bei Ihnen bleibt. Den Kunden eine Frist f\u00fcr letzte Bestellungen einzur\u00e4umen, sollte dabei selbstverst\u00e4ndlich sein.<\/p>\n<p>Besonders kundenorientierte Unternehmen gehen zuweilen noch einen Schritt weiter und unterst\u00fctzen guten Kunden im Rahmen einer Produktbereinigung mit besonderen Dienstleistungen. So k\u00f6nnen Sie den Kunden Sonderkonditionen f\u00fcr weiterhin bezogene Produkte einr\u00e4umen oder Kunden bei den erforderlichen Prozessanpassungen auf ein alternatives Produkt oder einen neuen Rohstoff unterst\u00fctzen. Auch die \u00dcbernahme von Entwicklungs- oder Qualit\u00e4tspr\u00fcfungskosten f\u00fcr die Alternativprodukte kann in Frage kommen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich diese Strategie in <strong>Best-Practice-Baustein 8<\/strong> festhalten:<br \/>\n<em>Die von einer Sortimentsbereinigung im b2b-Bereich betroffenen Artikel sind unabh\u00e4ngig von den Kunden festzulegen. Die anschlie\u00dfende Umsetzung muss in Interaktion mit den Kunden erfolgen. <\/em><\/p>\n<p>Ohne Neuheiten und Weiterentwicklungen der bestehenden Produkte \u00fcberlebt das Unternehmen meist nicht lange oder verliert zumindest Marktanteile. Gerade auch der internationale Wettbewerb macht es n\u00f6tig, \u201eden Anderen\u201c einen Schritt voraus zu sein. Die Welt der langlebigen und der kurzlebigen G\u00fcter unterscheidet sich hier jedoch drastisch. F\u00fcr Unternehmen, die mit kurzlebigen G\u00fctern ihr Geld verdienen, gilt <strong>Grundprinzip 9<\/strong>:<br \/>\n<strong>Bei kurzlebigen G\u00fctern hat man es fast nur mit Neuheiten zu tun und k\u00e4mpft meist mit \u00dcber- oder Unterverf\u00fcgbarkeit. <\/strong><\/p>\n<p>Das Paradebeispiel in diesem Bereich stellt die Modeindustrie dar, die zu gro\u00dfen Teilen nur mit \u201eOneshots\u201c, also Artikeln, die nur f\u00fcr eine einzige Saison produziert werden, arbeitet und die diese Artikel auch nur kurz am Markt absetzen kann.<\/p>\n<p>Idealerweise sollten Sie m\u00f6glichst fr\u00fch m\u00f6glichst gute Bedarfsforecasts aufstellen. Die statistischen und methodischen Hilfsmittel, die in diesem Bereich heute zur Verf\u00fcgung stehen, lassen jedoch zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Wir analysieren in diesem Bereich gegenw\u00e4rtig verschiedene Ans\u00e4tze zur Verbesserung der Prognosequalit\u00e4t, hier handelt es sich aber noch eher um Grundlagenforschung, als um konkrete L\u00f6sungsans\u00e4tze. Letztlich kommt es bei der Prognose von Neuprodukten, speziell auf M\u00e4rkten mit kurzen Verbrauchszeitr\u00e4umen, noch immer auf das \u201eBauchgef\u00fchl\u201c des Produktmanagements an, um die Bedarfsmengen f\u00fcr ein neues Produkt abzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Immer wieder konnten wir feststellen, dass Produkte, die beworben werden, sp\u00e4ter einen deutlich h\u00f6heren Umsatz generieren, als diejenigen, die nicht explizit beworben wurden. Dies ist nicht weiter verwunderlich. Wir staunen aber doch, wenn wir feststellen, dass in vielen Unternehmen die Entscheidung, welche neuen Produkte beworben werden sollen, erst getroffen wird, nachdem die Beschaffungsprozesse und teilweise sogar die Produktionsprozesse bereits begonnen haben. Zu diesem Zeitpunkt ist es nat\u00fcrlich zu sp\u00e4t, die Mengen anzupassen und das beworbene Produkt in h\u00f6heren St\u00fcckzahlen zu produzieren.<\/p>\n<p>Wenn Ihnen Prognosemethoden nicht helfen, die Bedarfsmengen bestimmter Artikel im Produktportfolio genauer zu bestimmen, m\u00fcssen Sie Ihre Supply Chain und Wertsch\u00f6pfungskette m\u00f6glichst flexibel gestalten, Ihr logistisches Gesch\u00e4ftsmodell also entsprechend ausrichten. Wie das geht, k\u00f6nnen wir hier nicht diskutieren.<br \/>\nWichtig f\u00fcr das Produktportfoliomanagement ist jedoch, dass das Obsoleszenzrisiko, also das Risiko, auf Produktbest\u00e4nden sitzen zu bleiben und diese verschrotten oder verramschen zu m\u00fcssen, als Restrisiko in die Gewinnmarge des Produktes eingerechnet wird. Somit lautet <strong>Best-Practice-Baustein 9<\/strong>:<br \/>\n<strong>Gestalten Sie bei der Herstellung und Vermarktung kurzlebiger G\u00fcter die Supply Chain m\u00f6glichst flexibel und kalkulieren Sie das Restrisiko in die Gewinnmarge ein.<\/strong><\/p>\n<p>Unter dem Aspekt der Produktportfolio- Pflege m\u00fcssen wir aus logistischer Sicht auch einen Blick auf die langlebigen G\u00fcter werfen, denn hier gilt <strong>Grundprinzip 10<\/strong>:<br \/>\n<strong>Bei langlebigen G\u00fctern verursachen Neuheiten h\u00e4ufig gro\u00dfen Planungsaufwand, hohe Bestandskosten und ein hohes Kostenrisiko in der gesamten Supply Chain, was bei Fehlplanungen von den lebenden Produkten mitgetragen werden muss. <\/strong><\/p>\n<p>Auch bei langlebigen G\u00fctern besteht die Gefahr, dass man den Bedarf an Neuprodukten \u00fcber- oder untersch\u00e4tzt. Im Unterschied zu den kurzlebigen G\u00fctern besteht jedoch die M\u00f6glichkeit, im Zeitverlauf Best\u00e4nde und Lieferbereitschaft besser auszutarieren.<br \/>\nVor allem besteht eine Chance, eventuelle \u00dcberbest\u00e4nde \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg abverkaufen zu k\u00f6nnen. So fallen zwar Lagerhaltungskosten, aber keine Verschrottungskosten an. Dies gilt nat\u00fcrlich nur, solange ein sich schlecht verkaufendes Produkt am Markt weiter angeboten und nicht zu fr\u00fch aus dem Produktportfolio herausgenommen wird (siehe Best-Practice- Baustein 7). Allerdings zeigen unsere Erfahrungen aus zahlreichen Projekten, dass bei Herstellern technischer Produkte mehr als 30 % neuer Fertigprodukte pro Jahr logistisch nicht mehr wirtschaftlich zu handhaben sind und vermeintliche Marketingvorteile durch eine hohe Neuproduktrate wieder auffressen.<\/p>\n<p>Genaugenommen geht es bei dieser Schwelle nicht um den Anteil der Neuprodukte an der Gesamtzahl der Artikel im Produktportfolio, sondern um den Prozentsatz der f\u00fcr die Neuprodukte in der gesamten Supply Chain zu haltenden Best\u00e4nde im Verh\u00e4ltnis zu den Gesamtbest\u00e4nden in der Supply Chain. Aus diesem Grunde sollte parallel zum Einf\u00fchren neuer Produkte stets gepr\u00fcft werden, welche &#8220;alten&#8221; CZ und CZ2- Produkte aus dem Sortiment genommen werden k\u00f6nnen. Logistisch betrachtet ist dies aber eine andere Front. Das Aussondern schlecht laufender Artikel ist eine wichtige Aufgabe an sich. Es legitimiert aber nicht eine \u00fcberzogene Einf\u00fchrung neuer Produkte.<\/p>\n<p>Aus diesem Grunde m\u00fcssen wir f\u00fcr langlebige G\u00fcter <strong>Best-Practice-Baustein 10<\/strong> ber\u00fccksichtigen:<br \/>\n<strong>Bei technischen Produkten markieren 30 % Neuheiten pro Jahr, die per &#8220;Big Bang&#8221; eingef\u00fchrt werden, die Grenze zum logistischen Selbstmord. Erfolgreiche Unternehmen bleiben darunter. <\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_15420\" aria-describedby=\"caption-attachment-15420\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.ak-online.de\/\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5.png\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-15420 size-medium\" src=\"https:\/\/www.ak-online.de\/\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5-300x198.png\" alt=\"Abbildung 5: Nicht immer m\u00fcssen Big Bangs bei der Markteinf\u00fchrung sein\" width=\"300\" height=\"198\" srcset=\"https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5-300x198.png 300w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5-600x396.png 600w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5-1024x676.png 1024w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5-768x507.png 768w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5-1536x1013.png 1536w, https:\/\/www.ak-online.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Portfoliomanagement_Abb5.png 1549w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15420\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 5: Nicht immer m\u00fcssen Big Bangs bei der Markteinf\u00fchrung sein<\/figcaption><\/figure>\n<p>In vielen Branchen ist es \u00fcblich, mit neuen Produkten auf allen M\u00e4rkten zur gleichen Zeit aktiv zu werden und bei vielen Produkten mag dies auch nicht anders m\u00f6glich sein. Mode hat beispielsweise nur einen begrenzten Lebenszeitraum und muss schnell auf allen M\u00e4rkten, auf denen sie verkauft werden soll, pr\u00e4sentiert werden. Was f\u00fcr die Mode gilt, gilt generell f\u00fcr den Gro\u00dfteil der kurzzyklischen Lagerprodukte.<br \/>\nMit einem Neuprodukt \u00fcberall zugleich in die Gesch\u00e4fte zu kommen, erfordert hohen Aufwand in der gesamten Supply Chain, denn als <strong>Grundprinzip 11<\/strong> l\u00e4sst sich festhalten:<br \/>\n<strong>Neuprodukteinf\u00fchrungen per &#8220;Big Bang&#8221;, d.h. auf allen M\u00e4rkten zur gleichen Zeit, erfordern bei Lagerfertigern hohe Best\u00e4nde und hohe Flexibilit\u00e4tskosten in der Supply Chain, verbunden mit langen Vorlaufzeiten.<\/strong><\/p>\n<p>Bei Neuprodukten besteht eben typischerweise das Problem, die zuk\u00fcnftige Marktnachfrage vorherzusagen. Wollen Sie trotz Unsicherheiten lieferf\u00e4hig sein, m\u00fcssen Sie sich gut mit den neuen Produkten eindecken. Im schlimmsten Fall ben\u00f6tigen Sie Sicherheitsbest\u00e4nde auf allen M\u00e4rkten. Die erforderlichen Best\u00e4nde wollen erst einmal aufgebaut sein, ehe sie gegebenenfalls nicht verkauft werden k\u00f6nnen und dazu m\u00fcssen die erforderlichen Komponenten beschafft, gefertigt und montiert werden. Ein solches Neuprodukt-Ferkel muss somit durch die Schlange der gesamten Supply Chain hindurchgepresst und langsam verdaut werden.<br \/>\nSchlimmer noch, h\u00e4ufig m\u00fcssen ganze Kollektionen an Teilen auf den Markt gebracht werden. Die Schlange aus Zulieferern und eigener Produktion muss somit zur selben Zeit eine ganze Ferkelherde verdauen. Wie die Schlange sich dehnen muss, so muss sich auch die Supply Chain dehnen und das bedeutet, es fallen zus\u00e4tzliche Kosten f\u00fcr die erforderliche Flexibilit\u00e4t an.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t ist jedoch noch gemeiner, als bisher beschrieben. Nicht nur Ihr Unternehmen, sondern auch die meisten Ihrer Marktbegleiter denken und arbeiten in demselben Rhythmus, belasten teilweise dieselbe Supply Chain, dieselben Lieferanten mit Ihren Ferkelherden zur selben Zeit, was die Kosten der Zulieferer und damit auch Ihre Kosten noch weiter in die H\u00f6he treibt.<\/p>\n<p>Nicht in allen Branchen und bei allen Unternehmen, die Produkte per \u201eBig Bang\u201c Strategie einf\u00fchren, w\u00e4re diese Strategie unbedingt erforderlich, h\u00e4tte man den Mut, sich von diesem Lemming-Verhalten abzukoppeln.<\/p>\n<p>In vielen Branchen ist es seit langem \u00fcblich, die Nachfrage nach Neuprodukten auf \u201eTestm\u00e4rkten\u201c zu erproben. In der Nahrungsmittelindustrie ist dies beispielsweise ein typisches Vorgehen vieler Anbieter. Bei langlebigeren G\u00fctern, wie technischen Produkten oder Luxusg\u00fctern, besteht bei dieser Strategie die Chance, die von vorne herein geringeren Materialbest\u00e4nde auf anderen M\u00e4rkten loszuschlagen, wenn ein Produkt auf seinem Einf\u00fchrungsmarkt nicht erfolgreich ist.<\/p>\n<p>Verl\u00e4uft die Einf\u00fchrung erfolgreich, k\u00f6nnen Sie die Supply Chain hochfahren. Die zunehmende Auslastung der Supply Chain k\u00f6nnen Sie bei Produkten wie Konsumg\u00fctern, bei denen hohe Lieferf\u00e4higkeit und damit eine gute Marktversorgung wichtig sind, nutzen, um die steigende Nachfrage auf dem Einf\u00fchrungsmarkt zu befriedigen. Erst dann sollten Sie die Belieferung auf neue M\u00e4rkte ausdehnen.<\/p>\n<p>Bei Produkten, bei denen eine gewisse Exklusivit\u00e4t zu den Merkmalen z\u00e4hlt, w\u00fcrden Sie m\u00f6glicherweise erst weitere Vertriebsm\u00e4rkte hinzunehmen oder die Erstm\u00e4rkte besser versorgen und auf den Folgem\u00e4rkten damit den Exklusivit\u00e4tscharakter weiter anheizen.<\/p>\n<p>Mit der Diskussion, wie wir den wachsenden Aussto\u00df der Supply Chain auf die M\u00e4rkte verteilen, wildern wir jedoch im Bereich von Marketing- und Vertriebsstrategie und dies sollten wir den entsprechenden Fachleuten \u00fcberlassen. Hauptsache, die Fachleute denken dar\u00fcber nach, ob anstatt einer \u201eBig Bang\u201c Markteinf\u00fchrung nicht auch eine \u201eLong Chime\u201c Strategie denkbar ist, bei der die M\u00e4rkte sukzessive bedient und gef\u00fcllt werden und die Supply Chain besser leerlaufen kann, wenn die Produkte am Markt nicht ankommen.<\/p>\n<p>Stellen wir uns einmal vor, wie sch\u00f6n die Supply Chain Welt werden kann, wenn nicht alle Produkte kollektionsweise auf alle M\u00e4rkte zur selben Zeit gebracht w\u00fcrden. Viel geringere Flexibilit\u00e4tskosten in der gesamten Supply Chain, geringere Verschrottungskosten und eine bessere Lieferf\u00e4higkeit w\u00e4ren die Folge. F\u00fcr viele Unternehmen w\u00e4re eine solche Welt undenkbar. Doch es gibt immer wieder Unternehmen, die Undenkbares machen, damit ihre Margen deutlich verbessern, sich nebenbei vom Markt abheben und damit Best-Practice- Baustein 11 belegen:\u00a0<strong>Best-Practice-Baustein 11<\/strong>:<br \/>\n<strong>Big Bang oder Long Chime: Erfolgreiche Unternehmen pr\u00fcfen, ob und wie abrupt Neuprodukte wirklich eingef\u00fchrt werden m\u00fcssen. <\/strong><\/p>\n<p>Bekannterweise muss an einem neuen Produkt nicht immer alles neu sein. Neue Produkte stellen h\u00e4ufig nur Produktvarianten dar. Nun kann man Produktvarianten so entwickeln, dass die Variantenspreizung fr\u00fch oder dass sie sp\u00e4t in der Supply Chain erfolgen muss. Logistisch betrachtet ist eine sp\u00e4te Variantenspreizung besser als eine fr\u00fche. Die beste Variantenspreizung f\u00fcr den Logistiker ist aber diejenige, die gar nicht stattfindet\u2026<\/p>\n<p>Egal ob die neuen Produkte Varianten bestehender Produkte sind oder nicht. Immer kann man \u00fcber die Verwendung von Gleichteilen nachdenken. Die Gleichteilestrategie beginnt bei wenigen Standard-Schrauben in unterschiedlichen Produkten und reicht bis zu gleichen Baugruppen in unterschiedlichen Produkten. Das Nachdenken lohnt sich, denn wie <strong>Grundprinzip 12<\/strong> feststellt:<br \/>\n<strong>Je weniger unterschiedliche Produkte auf gemeinsame Teile, Baugruppen und Fertigungsprozesse zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, desto kosteng\u00fcnstiger und beherrschbarer werden Wertsch\u00f6pfungskette und Supply Chain.<\/strong><\/p>\n<p>Eine Variantenvielfalt, bei der die Variantenbildung sp\u00e4t im Wertstrom erfolgt, wirkt einer CZ-Explosion auf Fertigwarenebene entgegen, die jedem Unternehmen den Hals brechen kann. Ideal w\u00e4re es, wenn Varianten auf der Fertigwarenebene \u00fcberhaupt nicht mehr gelagert, sondern auftragsbezogen endmontiert w\u00fcrden. Dies ist eine Strategie, die in vielen Branchen und bei zahllosen Unternehmen m\u00f6glich und \u00fcblich ist.<\/p>\n<p>So arbeitet die Automobilindustrie auf dem europ\u00e4ischen Markt und so arbeitet auch der gr\u00f6\u00dfte Teil der Werkzeugmaschinenindustrie.<\/p>\n<p>Eine <em>standardisierte<\/em> Variantenvielfalt, bei der m\u00f6glichst viele Gleichteile verwendet werden, beugt dar\u00fcber hinaus auch der CZ-Explosion auf Komponenten- und Baugruppen- Ebene vor.<\/p>\n<p>Ausgehend von einem bestehenden breiten Produkt-Portfolio ist der Weg zu einer standardisierten Variantenvielfalt lang und der Aufwand daf\u00fcr betr\u00e4chtlich. Besser w\u00e4re es daher, wenn Sie das Konzept direkt zu Beginn einer Neuproduktentwicklung ber\u00fccksichtigten.<\/p>\n<p>Als <strong>Best-Practice-Strategie 12<\/strong> k\u00f6nnen wir deshalb festhalten:<br \/>\n<strong>Erfolgreiche Unternehmen standardisieren ihre Variantenvielfalt. Und Sie beginnen damit direkt zu Beginn des Lebenszyklus\u2018 eines neuen Produktes, indem sie m\u00f6gliche Varianten bereits vorausdenken.<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser letzten \u00dcberlegung sind wir endg\u00fcltig im Grenzgebiet zwischen Portfoliomanagement, Produktmanagement und Produktentwicklung angekommen &#8211; und haben damit eine erste Ziellinie f\u00fcr das optimale logistische Produktportfoliomanagement erreicht.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><em><span style=\"font-size: 1em;\">Bildrechte: iStock<\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Prof. Dr. G\u00f6tz-Andreas Kemmner Auf der Zielgeraden zum perfekt gepflegten Produktportfolio markieren die letzten f\u00fcnf Bausteine die Etappen. Sie haben nun in den ersten beiden Teilen erfahren, warum Sie sich dem Sortimentszwang nicht beugen sollten und stattdessen besser nah am Kunden abstimmen, welcher Artikel Ihr Sortiment verl\u00e4sst. 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