Unternehmer braucht Europa

Götz-Andreas Kemmner

Wir können aus den neuen Jahrzehnt ein Europäisches machen, wenn es uns gelingt drei Trägheitsmomente zu überwinden.

Ein Jahr geht zu Ende von dem Deutschland und Europa wirtschaftlich nicht viel Gutes erwartet hatten: Der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der Brexit, der deutsche Außenhandelsüberschuß, die Klimadebatte mit drohenden hohen Belastungen für Wirtschaft und Gesellschaft, der drohende Klimawandel selbst, der Dieselskandal und die Umstellung auf elektrische Antriebe in der Automobilindustrie haben die Wirtschaft durchgerüttelt. Trotzdem geht es vielen Branchen auch am Ende das Jahres 2019 noch immer gut. Auch wenn viele der wirtschaftlichen Risiken sich in den nächsten Monaten und Jahren wieder auflösen werden; neue werden kommen. Wir alle, Staaten, Unternehmen und Gesellschaft tun gut daran, uns darauf vorzubereiten. Doch tun wir hier wirklich genug? Leben wir nicht längst von der Substanz? Machen wir es uns nicht zu bequem und versuchen die letzten allfälligen Lebensrisiken auszuschließen?

Schauen wir auf Deutschland: Was unsere Infrastruktur angeht, leben wir sicherlich seit Jahren von der Substanz; im Hinblick auf unsere Verkehrsinfrastruktur ist der Bund zwar endlich aufgewacht; aber viel zu spät, sodass weder in der  Bauindustrie noch in den Bauämtern der Kommunen  die erforderlichen Kapazitäten vorhanden sind, um hinter unserem Rückstand herzukommen.

Bei der digitalen Infrastruktur sieht es noch schlimmer aus; die Politik gibt dem massiven Druck der Wirtschaft und der Konsumenten zwar etwas nach und verspricht den kurzfristigen Ausbau der Mobilfunknetze zu fördern, das Investitionsvolumen ist aber um Dimensionen zu gering.

Im restlichen Europa sind die Problemlagen zwar etwas verschoben, doch nirgends wird genug getan.

Nur auf den Versäumnissen des Staates herumzureiten, darf uns nicht davon abhalten, auch unsere eigenen Versäumnisse im Blick zu behalten. Investieren wir in unseren Unternehmen genug? Sind wir nicht auch hier viel zu vorsichtig mit Investitionen? In den meisten Unternehmen, mit denen wir es beraterisch zu tun haben, arbeitet man an den Grenzen der Produktions- und der Personalkapazitäten. Der Umsetzungsrückstand bei der Verbesserung der Effizienz in den Planungs- und Verwaltungsprozesse ist in manchen Unternehmen inzwischen drastisch; man kommt mit eigenen Ressourcen nicht weiter, will aber kein Geld in externe Unterstützung investieren und versucht sich lieber durchzuwursteln.

In Europa wächst die Wirtschaft in allerbesten Jahren gerade um 1,8 bis 2%; dann arbeiten schon alle Unternehmen „am Anschlag“ und alle Mitarbeiter stöhnen über Überlastung. Wenn wir nicht einmal 5% Reserve in unseren Leistungsprozessen haben, wie wollen wir dann je zu einem stärkeren Wachstum kommen? Wo sind die Unternehmer unter den Inhabern und Managern, die in die Zukunft investieren? Wenn wir mit unseren Kapazitäten nicht in Vorleistung gehen, um anziehende Nachfrage bedienen zu können, dann werden die Unternehmer in anderen Ländern mit größerem „Gewerbefleiß“ uns das Wasser abgraben.

Als Arbeitnehmer sind wir alle auf sichere Jobs erpicht; die Arbeitsplatzsicherheit ist uns so wichtig, dass wir jahrelang in Jobs verharren, die uns keinen Spaß machen, obwohl wir uns, zumindest in der Nordhälfte der EU in einen Arbeitnehmermarkt hineinentwickeln, in dem sich Unternehmen um das knappe Angebot an Arbeitskräften bewerben müssen. Die Arbeitsplatzsicherheit ist vielen Arbeitnehmern aber nicht so wichtig, dass sie sich in Eigeninitiative weiterbilden und im Job Initiative ergreifen; das könnte ja auf Kosten der Freizeit gehen, in der viele das einzige und wahre Leben sehen.

Wenn wir uns ehrlich machen in Staaten, Wirtschaft und Gesellschaft, dann sind wir alle satt und träge, während wir einer globalen Welt gegenüberstehen, die hungrig und ehrgeizig ist. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog brachte es 1997 auf die Formel: “Die Welt ist im Aufbruch, sie wartet nicht auf Deutschland“ und forderte, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse und Frau von der Leyen hat gerade gemahnt, “Die Welt wartet nicht auf Europa“.

Mitte der 2000er Jahre kam in Deutschland ein Rückle seitens der Politik in Form von Gerhard Schröders Agenda 2010 womit zumindest einige Fehler im Sozialsystem und am Arbeitsmarkt repariert worden sind. Während die Politik inzwischen dabei ist, hier alles wieder abzuräumen, hat sie in anderen Bereichen zu wenig unternommen, zu wenig in die Zukunft investiert und hat zu wenig von sich selbst gefordert. Sie spiegelt damit eine Gesellschaft wieder, in der auch Unternehmen und Bevölkerung zu wenig  Initiative zeigen, zu wenig in die Zukunft investieren und zu wenig von sich selbst fordern. An der Schwelle eines neuen Jahrzehnts haben wir uns im Treibsand unserer Trägheit verfangen.

Ich wünsche uns allen für das neue Jahrzehnt, dass der Ruck doch noch durch Deutschland und Europa geht, den Roman Herzog 1997 schon gefordert hat. Für das neue Jahrzehnt wünsche ich uns allen in Staaten, Wirtschaft und Gesellschaft, dass wir mehr in die Zukunft investieren, denn nur wer investiert, leistet sei Möglichstes, eine positive Zukunft zu schaffen. Ich wünsche uns, dass wir uns, nicht nur im Wirtschaftlichen, sondern auch im Gesellschaftlichen, mehr als Unternehmer verstehen, denn wer nicht unternehmerisch denkt und handelt, agiert als Unterlasser und sabotiert unsere Zukunft. Ich hoffe, dass wir es schaffen, wieder mehr von uns selbst zu fordern, sonst wird die Welt uns überfordern.

Lassen Sie uns aus dem Green New Deal, den die EU-Kommissionspräsidentin programmierte, einen Great New Deal für Europa machen; alles ist möglich in diesem neuen Jahrzehnt, WIR haben es in der Hand!