Abakus statt ERP?! 

Andreas Kemmner

Vor einigen Jahren auf einem orientalischen Basar: Ich kaufte eine ganze Reihe von Artikeln und nach intensivem Verhandeln einigten sich der schon recht betagte Verkäufer und ich auf die Preise für die verschiedenen Produkte. Nun nahm der Basari seinen Taschenrechner zur Hand und ermittelte den Gesamtpreis. Der modernen Technologie schien er aber nicht so recht zu trauen und rechnete sein Ergebnis lieber nochmals mittels eines alten Abakus durch.                                                                

Es gibt nicht nur Menschen sondern auch Unternehmen, die der modernen Technik nicht trauen und lieber bei Bewährtem bleiben. 

Ihr Beharrungsvermögen sieht man diesen Unternehmen von außen meist nicht an. Sie können wirtschaftlich sehr erfolgreich sein und ihre IT-Landschaft mit großen Namen der ERP-Branche schmücken. Erst wenn man die Abläufe in Unternehmen genauer kennt, zeigt sich die alte Abakusdenke hinter der glänzenden ERP-Fassade:                                                                                                     

Für Kauf und Einführung des Systems hat man zwar viel Geld ausgegeben, aber immer noch werden viele Prozesse von Hand gesteuert, anstatt die Automatisierungsmöglichkeiten des ERP-Systems zu nutzen. Ich kenne Unternehmen, in denen arbeitet das ERP-System als goldene, sprich extrem teure, Schreibmaschine, um auf umständliche Weise Fertigungsaufträge und Bestellungen zu erstellen. Das System ist schlecht gepflegt, den Daten im System traut man nicht und den Fertigungs- oder Bestellvorschlägen des Systems sowieso nicht. Also wird von Hand gearbeitet und auf die Erfahrung der Disponentinnen, Fertigungssteuerer und operativen Einkäufer gesetzt. 

Sehr häufig höre ich dann, dass man mit dem ERP-System die gewünschten Produktivitätssteigerung in der Produktionsplanung und -steuerung nicht erreicht habe, ….woher auch! 

Produktivitätssteigerung in unseren Planungsprozessen kommt einerseits aus einer geschickten, möglichst schlanken Gestaltung unserer Prozesse und andererseits durch die Automatisierung von Abläufen und Entscheidungen in ERP- bzw. PPS-System. 

Häufig zeigt sich, dass man bei der Systemeinführung auf die vermeintlich bewährten Prozesse der Vergangenheit gesetzt hat, anstatt die Chance zu nutzen und die modernen Möglichkeiten eines ERP-Systems auszureizen. Da werden Arbeitsschritte per Exceltabelle erledigt und von Hand in das ERP-System übertragen, die auch direkt im ERP-System durchgeführt werden könnten. Anstatt Bestell- und Fertigungsvorschläge vom ERP-System generieren zu lassen, schaut man sich die Bestands- und Auftragssituation der einzelnen Artikel lieber persönlich an. Zuweilen glaubt man nicht einmal den Bestandswerten im ERP-System und inspiziert die Lage lieber vor Ort – eine beliebte Strategie besonders bei Silobefüllungen. Typisch und akzeptiert ist die ‚Strategie‘, sich die Fertigungs- und Bestellvorschläge vom ERP-System vorschlagen zu lassen, diese aber anschließend von Hand zu korrigieren. 

Diese Art der planerischen Handarbeit werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Dies nicht nur aus Produktivitätsgründen, viel mehr noch aus Personalmangel. Der demografische Wandel zwingt uns nämlich dazu, qualifiziertes Personal zunehmend effizient einsetzen zu müssen. Reagieren wir nicht, wird sich in der  Produktionsplanung und -steuerung eine gefährliche Schere immer weiter öffnen: Einerseits fehlt uns zunehmend das qualifizierte und erfahrene Personal für die Planungsprozesse. Andererseits sind unsere ERP-Systeme jedoch nicht ausreichend getunt, um diesen Personalmangel durch Automatisierung aufzufangen. Was jetzt also zu tun ist, sollte klar sein.


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner ist Co-CEO der Abels & Kemmner Group und hat in 30 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 200 nationale und internationale Projekte durchgeführt und war über 10 Jahre der einzige öffentlich bestellter Sachverständige für die Wirtschaftlichkeitsbeurteilung von Industriebetrieben in Deutschland.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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