Weniger Vorrat ohne Reue 

Andreas Kemmner

Bestandssenkung und verbesserte Lieferbereitschaft sind kein Widerspruch

Von Götz-Andreas Kemmner und Stefan Hahn

Der deutsche Einzelhandel hat beträchtliche Potenziale zur Bestandssenkung. Hohe Bestände überdecken Schwachstellen in den Prozessen, die Engpässe, Out-of-Stock-Situationen und Lieferverzögerungen verursachen.

Durchschnittlich sind 13 Prozent des Einzelhandelsumsatzes in Beständen gebunden. Daraus resultiert eine Bestandsreichweite, die deutlich über einem Monat liegt. Die sich hieraus ergebenden Potenziale zur Kostensenkung werden jedoch häufig nicht erkannt und schlummern ungenutzt in den Lagern der Händler.

Ein Argument gegen geringere Bestände im Einzelhandel lautet, dass trotz moderner Logistik- und ECR Systeme nach wie vor häufig Out-of-Stock-Situationen (Regallücken) in den Läden auftreten. Untersuchungen zeigen jedoch, dass deren Hauptursachen zumeist auf den letzten zehn Metern zum Regal zu finden sind. Sie sind folglich nicht durch die Optimierung der Supply-Chain oder durch erhöhte Bestände stromaufwärts in der Lieferkette zu beseitigen.

Auf den letzten zehn Metern liegen oft die Ursachen für Verfügbarkeitsprobleme. (Foto: BilderBox)
Auf den letzten zehn Metern liegen oft die Ursachen für Verfügbarkeitsprobleme. (Foto: BilderBox)

Kunden werden untreu. Verbraucher wechseln laut Studien sehr oft die Marke – weniger die Einkaufstätte wenn das gewünschte Produkt nicht im Regal verfügbar ist. Dem europäischen Lebensmittelhandel und den Herstellern gehen so jährlich mehr als 4 Mrd. EUR Umsatz verloren. In Deutschland liegt die „Nichtkaufquote“ mit 14 Prozent über Europas Durchschnitt von 9 Prozent.

Falsche Dispositionsmechanismen sind für 80 Prozent der Überbestände verantwortlich

Warum jedoch sind viele Filialen nicht ausreichend lieferfähig? Studien zeigen folgende Faktoren:

  • fehlendes Personal für Regalbestückung
  • schlechte Lagerorganisation
  • seltene Prüfung der Bestandssituation am Regal
  • fehlende Regaletiketten – unzureichende Sortimentsumsetzung
  • falsche Buchbestände
  • zu späte oder gar keine Bestellauslösung.

Fast drei Viertel der identifizierten Regallücken entstehen somit im Einflussbereich der Filiale. 10 Prozent gehen auf das Konto des ERP-Systems mit falschen Prognosen, zu hohen Mindestbestellmengen oder falscher Parametrierung auf Artikel und Lieferantenebene. 4 Prozent der untersuchten Regallücken entstehen durch Belieferungsfehler des Herstellers. Falsche Dispositionsmechanismen bei Hersteller und Händler sind also nur für 14 Prozent der Out-of-Stock-Situationen, aber für gut 80 Prozent der Überbestände verantwortlich.

Kein Widerspruch. Diese Zahlen zeigen bereits, dass sich eine hohe Lieferbereitschaft und niedrige Bestände nicht widersprechen. Sie sind vielmehr zwei Facetten eines effizienten Bestandsmanagements. Bestände hochzufahren, um Lieferbereitschaft zu erzielen, ist also selten die notwendige Antwort. In den meisten Fällen ist sie sogar falsch.

Nach Einschätzung der Analysten von Lehman Brothers ist das Bestandsmanagement zentraler Schlüssel zum Erfolg von Wal-Mart. Anfang 2006 hat die Handelskette eine Bestandsenkungsinitiative gestartet. Diese sollte innerhalb von ein bis zwei Jahren die Bestände um 19 Prozent senken. Dies entspricht einem Verkaufswert von 6 Mrd. USD. Wal-Mart beabsichtigt damit bei einer Out-of-Stock Rate von 1,5 Prozent einen durchschnittlichen jährlichen Lagerumschlag von 10 über alle Warenkategorien zu erreichen.

Um die Lieferbereitschaft zu verbessern und die Bestände zu senken, muss die gesamte Supply Chain von den Herstellern bis zu den Regalen sorgfältig ausbalanciert werden. Dazu gehören unter anderen:

  • Sortimentsoptimierung durch Reduzierung der Artikel und Varianten
  • genauere Prognose und Disposition
  • synchronisierte Datenbereitstellung durch die Lieferanten über eigene Daten der Verkaufsstellen und Lager
  • verbesserte Informationsweitergabe in der Supply Chain (Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment – CPFR)
  • straffe Organisation von der Logistik bis in die Verkaufshäuser. Dazu gehören Verstetigung des Warenstroms durch schnellere Bestell- und Lieferrhythmen und Verkürzen der Wiederbeschaffungszeiten, Optimierung des Verhältnisses zwischen Lagerhaltung und Cross Docking
  • ein effizientes Kennzahlensystem zur Überwachung der Supply Chain.

Durch richtige Parametrierung der Stellgrößen des Dispositionssystems lassen sich die Bestände bei gleicher Lieferbereitschaft um bis zu 25 Prozent verringern. Das ergaben wiederholt die Analysen von Überbeständen duch die Unternehmensberatung Abels & Kemmner. Im Wettkampf der Einzelhändler wird deshalb die Fähigkeit wichtiger, die Bestände zu steuern und zu überwachen.


Götz-Andreas Kemmner und Stefan Hahn arbeiten bei der Unternehmensberatung Abels & Kemmner.

Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner ist Co-CEO der Abels & Kemmner Group und hat in 30 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 200 nationale und internationale Projekte durchgeführt und war über 10 Jahre der einzige öffentlich bestellter Sachverständige für die Wirtschaftlichkeitsbeurteilung von Industriebetrieben in Deutschland.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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