Die Dinge im Fluss halten 

Andreas Kemmner

Die optimale Disposition des „notwendigen Übels“ Lagerbestände ist sowohl für Serien- und Variantenfertiger als auch für Großhändler ein entscheidender Wettbewerbsfaktor, denn hier wird hauptsächlich über Kundenzufriedenheit und Gewinn oder Verlust entschieden. Eine hohe Lieferbereitschaft stellt die Kunden zufrieden; wird die Lieferbereitschaft jedoch mit zu hohen Lagerbeständen erkauft, läuft man Gefahr, dass Finanzierungsaufwand, Lagerhaltungs- und Verschrottungskosten sowie der Abschreibungsbedarf die Gewinnmargen auffressen. Leider ist die Disposition in Zeiten schnellerer Produktzyklen und hybrideren Käuferverhaltens trotz ausgereifter EDV-Systeme nicht leichter geworden. Wie man der Situation Herr werden kann, schildern im Gespräch mit IT-MITTELSTAND Burkhard J. Kiesel, Managing Director Operations bei der Montblanc Simplo GmbH in Hamburg, und Ditmar Giese, Leiter Disposition bei der Alfred Rudolph GmbH & Co. KG in Halver, einem Unternehmen, das sich von einem reinen Großhändler zu einem Systemlieferanten im Küchenbereich entwickelt hat, mit Eigenentwicklungen, exklusiven und modernen Produkten.

Nachgefragt bei…
…Burkhard J. Kiesel, Director Operations bei Montblanc und Ditmar Giese, Dispositionsleiter bei Alfred Rudolph

ITM: Ihre Unternehmen setzen jeweils eine spezifische Dispositions-Software ein. Warum?

Kiesel: Anstoß war die Umgestaltung unserer Bedarfsplanung. Montblanc hat sich vom Schreibgerätehersteller zu einer Luxusmarke entwickelt, die außerdem Lederartikel, Uhren und andere Lifestyle-Artikel im Angebot führt. Dadurch hat sich die Artikelvielfalt verfünffacht und unsere nach wie vor klassische Absatzplanung führte zu einer Verschlechterung der Lieferfähigkeit bei deutlich gestiegenen Beständen im Zentrallager und bei den Vertriebsgesellschaften. Durch die Umstellung auf SAP wurde zwar die Grundlage für ein integriertes Planungssystem geschaffen, die Planungsprozesse selbst mussten aber auf den Prüfstand.

Es wurde ein mehrstufiger Konzeptansatz zur Reorganisation der Supply Chain entwickelt. Wesentliches Merkmal ist eine durchgängige Artikelklassifizierung auf Basis der Planbarkeit (ABC-XYZ) und die anschließende Neuordnung und Optimierung von Disposition und Lagerhaltung für die einzelnen Artikelklassen. Prinzipiell wäre dies auch komplett im SAP-System abbildbar gewesen. Mit der spezifischen Dispositionssoftware Diskover von Abels & Kemmner können wir aber eine noch bessere Planungsqualität erreichen. Für den Disponenten ist es hilfreich, wenn er die Planungsalternativen praxisnah visualisiert bekommt und damit schnell und sicher seine Entscheidungen fällen kann. Dieses Planungsinstrument erlaubt es ihm außerdem, sein Produkt- bzw. Komponentenportfolio nach klaren Zielvorgaben zu managen.

Giese: Wir wollten die Flexibilität unseres 48-Stunden-Lieferservices für alle Produkte unseres umfangreichen Angebots sichern. Unser ERP-System war hierfür zu starr. Einmal eingestellte Dispositionsverfahren gelten hier für die Ewigkeit, sie reagieren also nicht automatisch auf sich verändernde Nachfragesituationen. Wir hätten immer erst dann etwas verändern können, wenn es fast zu spät gewesen wäre. Diskover besitzt hier ausgefeilte Vorwarnmechanismen und kann selbst große Bedarfsschwankungen sicher erkennen.

ITM: Wer traf die Entscheidung, und wer war am Entscheidungsprozess beteiligt?

Kiesel: Entscheidungen werden bei uns immer in interdisziplinären Teams vorbereitet und der Geschäftsführung vorgelegt. Da es um eine durchgängige Optimierung der Supply Chain vom Vertrieb bis zur Beschaffung ging, waren alle betroffenen Fachabteilungen, insbesondere Vertriebslogistik, Fertigungssteuerung, die Beschaffung und unser IT-Bereich voll involviert.

Giese: Die Entscheidung wurde hausintern von der Geschäftsleitung und dem Einkaufsleiter getroffen. Es mussten zwingend Kosten gesenkt und die Performance gesteigert werden. Auch musste alles sehr schnell gehen. Die Entscheidung fiel jedoch leicht, da Vorabanalysen im Offline-Modus, also ohne direkte Kopplung des Systems an unser ERP-System, die Potenziale offen legten.

ITM: Welche Schwierigkeiten gab es bei der Einführung? Welche Hausaufgaben mussten gemacht werden?

Kiesel: Die Einführung verlief planmäßig, es zeigte sich bereits bei den ersten Testläufen, dass die Qualität unserer Stammdaten, z.B. Wiederbeschaffungszeiten, Rundungsfaktoren und Mindestlosgrößen sowie der aktuelle Artikelstatus, noch überarbeitungsbedürftig waren. Außerdem mussten klare Verantwortlichkeiten geschaffen und wiederholt die Planungsdisziplin eingefordert werden.

Ein wichtiger Bestandteil der Einführung war auch die Mitarbeiterschulung, ein Punkt, den wir anfänglich deutlich unterschätzt hatten. Wenn trotz intensiver Schulung eine Veränderung nicht möglich war, mussten personelle Umsetzungen vorgenommen werden. Dies kostete wertvolle Zeit, die an anderer Stelle wieder aufgeholt werden musste und erforderte außerdem Fingerspitzengefühl.

Giese: Das Scharfschalten lief weitestgehend reibungslos, da die Berater bereits in der Vorabanalyse die erforderlichen Veränderungen in unseren Quelldaten aufgezeigt hatten. Das Investitionsvolumen war also von Anfang an klar determiniert und wurde eingehalten. Während des Betriebs zeigte sich jedoch, dass Diskover keine unmittelbare Funktion zur direkten Erkennung der Schnelldreher hatte. Dieser Mangel wurde behoben. Zudem ist die aktuelle Version um vielfältige Felder erweitert worden, sodass wir in der Disposition mehr auf die wichtigen Punkte, nämlich das strategische Lieferantenmanagement, zu konzentrieren.

ITM: Wann hat sich die Investition amortisiert? Welchen weiteren Nutzen sehen Sie?

Kiesel: Unsere neue Planung läuft jetzt seit gut 15 Monaten in den Produktbereichen Schreibgeräte und Lederartikel. Wir konnten den Lieferbereitschaftgrad deutlich steigern und gleichzeitig die Umlaufbestände reduzieren. Jetzt ziehen die anderen Produktbereiche nach. Wichtig war, dass die Software die Mitarbeiter in der Planungsmethodik als sinnvolles Add-On zu SAP unterstützt.

Giese: Die Investition hat sich in weniger als einem Jahr amortisiert. Zudem wird für die Disposition heute nur noch eine Vollzeitstelle benötigt, die wir auf zwei Schultern tragen. Vorher waren vier Mitarbeiter damit voll ausgelastet, und dies bei vergleichbaren Volumina.

ITM: Welche Empfehlung würden Sie anderen Mittelständlern bei ähnlichen Projekten geben?

Kiesel: Bei einer Reorganisation der Planung ist es wichtig, sich bereichsübergreifend von aktuellen Gegebenheiten zu lösen und auf der Basis historischer Daten und definierter Bedingungen die Planbarkeit der Produkte und Komponenten zu analysieren. Das verwendete EDV-System ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Wird die Planbarkeit der Bedarfe auf Endgerätebene nicht offensichtlich, muss man die Untersuchung auf die darunter liegende Stücklistenebene ausdehnen. Meist wird man dann auf Komponentenebene fündig.

Giese: Wer flexibel und effizient disponieren will, kann unserer Erfahrung nach uneingeschränkt auf ein Dispositions-Tool setzen.

Die Unternehmen in Stichworten:

Montblane-Simplo GmbH
Standort: Hamburg
Mitarbeiter: 800
Internet: www.montblanc.de

Alfred Rudolph GmbH & Co. KG
Standort: Halver
Mitarbeiter: 96
Internet:
www.rudolph.de


Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner hat in über 25 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 150 nationale und internationale Projekte durchgeführt.

2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt.

Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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